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reflectierende Verſtand und ſein Erkenntniß⸗Gebiet(vergl.„Die Stufen der menſchl. Erkenntniß ꝛc.“ im Progr. 1841,§. 6.), und hiemit ſtatt des thieriſchen Inſtinktes Beſonnenheit(†οeναις als Anlage, Gυσοοσσν als Fertigkeit) und Ueberlegung, 10„Qα,,6 G.(16„g bedeutet ſowohl Vernunft als auch Verſtand, letzteres Wort=— G οεα, concilium, Rath, von rathen d. h. urſprünglich: auf Etwas kommen). Jene über alle Verſchiedenheit erhabene, dieſe beſtimmende, gleichwohl mit derſelben nicht vermiſchbare lebendige Einheit iſt es, worauf der Menſch, deſſen mehr oder minder bewußt, bei der Wahl ſeines Zweckes und bei der Berechnung ſeiner Mittel Alles zu beziehen ge⸗ nöthigt iſt, und als unmittelbarer Wiederſchein jener Einheit verkündigt ſich das Identiſche in der Bruſt des Menſchen, welches ſich ihm inſonderheit als moraliſcher Geſetzgeber, Richter und Vergelter, als un⸗ widerſtehliche Macht in ſeinem Bewußtſein, ſogar gegenſeinen Willen, als Gewiſſen aufdringt.
Anmerk. Verſtehen, zuſammengeſetzt von far oder var(fort, hin) und ſtehen, iſt wörtlich das griechiſche Sn⁴οτασ⁄ϑόσ das lat. animadvertere. d. h. alle dieſe Ausdrücke ſowie das Hauptwort Verſtand(im Engliſchen understanding, in welcher Zuſammenſetzung under mehr die Bedeutung von bei als unter hat) bezeichnen das Richten des Geiſtes auf Etwas als ein Stellen oder Treten zu einer Sache, um das Allgemeine, Weſentliche, Characteriſtiſche(nota rei ipsius, daher notitiae rerum, notiones Begriffe) kennen zu lernen ꝛc.— Dasſelbe unter einem andren Bilde bezeichnen Laαι⁴νειν, dé&εεσσασι, intelligere(inter legere) percipere, comprehendere, faſſen, vernehmen. Die Wörter Ver⸗ nunft und Verſtand werden im Leben wie in der Wiſſenſchaft ohne Unterſchied gebraucht. Heinrich Jacobi hat aber auf dem Grunde der platoniſchen Unterſcheidung zwiſchen vodg und dlxνοεα mit Recht einen Unterſchied zwiſchen ihnen feſtgeſtellt, welchen aus ſittlich⸗ religilſen Gründen beſonders der Erzieher feſtzuhalten hat. Vergl. Die Stufen der menſchl. Erkenntniß ꝛc., beſonders§. 11.
§. 36.
Im Menſchen kehrt die Bahn, welche das Leben um den ewigen Mittelpunct, um die Gottheit, beſchreibt, zu dem Puncte zurück, wo es auslief, und freut ſich(im Menſchen) des Genuſſes ſeiner ſelbſt auch da, wo es ſich hinter dem ſcheinbar todten Stoffe verbirgt; erſt in dem Menſchen und für denſelben ſpiegelt ſich die Welt in ihrem wahren und vollſtändigen Bilde.
Nach dieſem iſt aber die Welt die lebendige Offenbarung der Gottheit, ſie iſt das erhabenſte Kunſtwerk des erhabenſten Geiſtes; ihr kömmt daher Wahrheit, Güte und Schönheit im höchſten Grade zu, und dieſes ſind die unzertrennlichen Züge der einen Weltordnung, welche aus verſchiedenem Geſichtspuncte betrachtet, verſchiedentlich bald die phyſiſche bald die moraliſch⸗ eligiöſe genannt wird.
Wo beide Geſichtspuncte ſich feindlich gegenüber ſtehen, da iſt ſicher einer von beiden getrübt, d. h. einſeitig, beſchränkt, oder alle beide. Ce n'est que la mauvaise philosophie et la mauvaise religion, qui se querellent, ſagt Couſin. Sicherer geht öfter das unverdorbene(aber in raffinierten Zeiten und Kreiſen ſelten unverdorben bleibende, daher am beſten durch lebendiges, klares Wiſſen zu ſichernde) Gefühl, als das blendende oder geblendete Wiſſen. Und es gilt auch hier des Dichters Wort: Was der Verſtand der Verſtändigen nicht ſieht, das ſieht oft in Einfalt ein kindlich Gemüth; oder wie der ſchlichte, tief fromme, aber eben deßhalb bei allen Bekenntniſſen beliebte Thomas Hamerken von Kempen ſagt: Melior est profecto humilis rusticus, qui Deo serrit, quam superbus philosophus, qui se neglecto cursum coeli considerat.
Anmerk. Daß die wahre phyſiſche und die wahre moraliſch⸗religiöſe Weltanſchauung in einem Puncte zuſammentreffen, darüber gibt jungen Freunden außer Oerſtedt(Der Geiſt in der Natur, 3. Aufl. Leipz. 1850, und Neue Beitr. zu dem Geiſt in der Natur, Leipz. 1851, zuſammen 3 Bde.) manche gute Winke die mit dem bibliſchen Glauben verſöhnende, leicht faßliche Schrift von dem eben ſo welterfahrenen als ſittlich und fromm denkenden Albert von Gloß: Wie viel entdeckte bis jetzt die neuere Naturwiſſenſchaft? Ein krit. Verſuch im Sinne des Fortſchrittes, beſonders gegen Dr. L. Büchner's„Kraft und Stoff“ und„Natur und Geiſt“, Braunſchweig 1859.— Prüfet
Alles und das Beſte behaltet. —.-—


