Aufsatz 
Weiteres Bruchstück aus dem Wegweiser zur Wissenschaft und zum Studium der Hochschule u. über die Naturwissenschaft / Wilhelm Wiegand
Entstehung
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hat ſich das Menſchengeſchlecht nur noch die wenigſten Wohl⸗ thaten zueignen können, welche ſie darbietet. Ungeachtet der großen Verbeſſerungen, die unſre Wiſſenſchaft in Allem hervor⸗ gebracht hat, was zu unſerer leiblichen Wohlfahrt gehört, und wodurch Europa in den letzten beiden Jahrhunderten zum Theil eine neue Geſtalt genommen hat, trage ich doch kein Bedenken, dieſe Behauptung aufzuſtellen; aber noch mehr gilt dieß von dem eigentlichen Gegenſtande unſerer Rede, dem Einfluß der experimentalen Naturwiſſenſchaft auf die Geiſtesentwicklung. Allerdings iſt das hierin ſchon Geleiſtete nicht als unbedeutend zu betrachten. Wie Viel hat ſie nicht beigetragen, den Aber⸗ glauben zu vertreiben. Mag es auch bisweilen geſchehen ſein, daß ein zu weit getriebener Eifer Vieles Aberglauben nannte, deſſen Gründe man auf einer gewiſſen Kenntnißſtufe nicht faſſ'te, ſo hört doch die Ausrottung jener Seelenkrankheit nicht auf, eine ausgezeichnete Wohlthat zu ſein; denn nie kann es im Einklang mit dem Guten ſtehen, das, was nach der ewigen Vernunftordnung hervorgebracht wird, einer mächtigen Unvernunft, das, was vom Vater des Lichtes kommt, den Mächten der Finſterniß zuzuſchreiben. Nein, des Aberglaubens Herrſchaft ſchadet allen, vom Fürſten bis zum geringſten Unterthanen, ſchadet ſelbſt den Freunden der Finſterniß, ſo wenig ſie auch es ahnen.

Weit wichtiger iſt jedoch der bildende Einfluß, den unſere Wiſſenſchaft durch die Mannigfaltigkeit von Entdeckungen ge⸗ habt hat, worin ein oberflächlicher Betrachter bloß neue Kennt⸗ niſſe von einzelen Naturmerkwürdigkeiten erblicken würde. Als ſie den körperlichen Geſichtskreis des Menſchen durch künſtliche Sehwerkzeuge erweiterte, erweiterte ſie da nicht zugleich ſeinen geiſtigen? Denn mußte es nicht ſeinem Begriff von dem Da⸗ ſein eine größere Fülle geben, wenn er erfuhr, daß die Pla⸗ neten Körper ſind, wie der unſrige, zum Theil von Monden, gleich dem unſrigen, begleitet und mit Wechſel von Tag und Nacht, Sommer und Winter, gleich unſerer Kugel? Mußte nicht eine neue Vorſtellung von der verborgenen Herrlichkeit der Natur erweckt werden, als man in den kleinſten Theilen der