Aufsatz 
Über die Vermittelung des niederen und höheren Unterrichtswesens zunächst im Großherzogtum Hessen. Ein Beitrag zur praktischen Pädagogik, geschrieben im Jahre 1847
Entstehung
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wenigſtens ein ſ. g. Litterate, d. h. ein der fremden Sprachen kundiger Lehrer nothwendig werden, hie und da auch mehr als einer, wenn im Orte ſelbſt keine ſolche Lehrkraft verfügbar wäre. Die Lehrgegenſtände würden außer den bedingt nothwendigen der Volksſchule Franzöſiſch(günſtigen Falls auch Engliſch) ſein, in möglichſter Verbindung mit der Mutterſprache nur auf deren Grundlage unter⸗ richtet. An einer Lehrkraft für das Latein, wo es Bedürfniß wäre, wird es an einem ſolchen Orte nicht mangeln. Wo das letztere nicht nothwendig wäre, da würde unſer Vorſchlag einfacher auszu⸗ führen ſein, in der Art nämlich, daß die Cantons⸗ Schule mehr nur eine Fortbildungsſchule der Volks⸗ ſchulen wäre. Ein Haupt, Rector, mit Sitz und wenigſtens berathender Stimme im Ortsſchulvor⸗ ſtande würde das Ganze leiten. Das wären etwa die Hauptzüge unſerer gehobenen guten Volks⸗ oder Cantons⸗Schule, welche wegen der vorausſichtlich kleinen Zahl ihrer Schüler dieſe individuell genug behandeln könnte, daß ſie eine relativ genügende Bildung gewännen, oder, bei der Beabſichti⸗ gung einer höheren Bildung, wenigſtens die zwei unterſten Klaſſen einer Provinzial⸗Realſchule oder eines vollſtändigen Gymnaſiums zu überſpringen vermöchten. Die nähere Geſtaltung ſolcher Schulen muß natürlich der Beſchaffenheit der jedesmaligen örtlichen Umſtände überlaſſen bleiben, wie dies auch das angezogene franzöſiſche Geſetz thut: Selon les besoins et les ressources des localités linstruction pourra recevoir les développemens qui seront jugés convenables.

Ich will hier die Vortheile ſolcher Einrichtungen(außer der allgemeinen, der nationalen Cultur Deutſchlands ſo nothwendigen Vermittlung des niederen und höheren Unterrichtes: größerer Sporn und Wetteifer unter den Volksſchullehrern, ſowie Gewinnung guter Realſchullehrer durch die Vorübung in den Cantons⸗Schulen häuslich⸗ſittliche Bildung der Schüler, Eröffnung einer entſprechen⸗ den Laufbahn für das Talent armer Kinder namentlich im Techniſchen, Erſparung von nicht unbe⸗ deutenden Koſten ꝛc. ꝛc.) nicht noch weitläufig auseinander ſetzen; denn ein Kritiker könnte wohl auch Nachtheile entgegen ſetzen, nämlich im Falle der Ausartung oder des Mißbrauchs, überhaupt im Falle des Mangels der Hauptbedingungen, die wir vorausſetzen, aber als wohl möglich voraus⸗ ſetzen können. Der Vorſchlag iſt aber in unſerem Großherzogthum um ſo weniger unausführbar, als wir da auf eine Hauptbedingung zählen können, nämlich auf geeignete Lehrer. Wir haben viele tüch⸗ tige Volksſchullehrer. Ich kenne aus meiner Umgebung viele, die jetzt ſchon, ohne die Ausſichten jenes Vorſchlags, ſich von ihren ſchon eingenommenen Stellen beurlauben, um als ſ. g. Licencierte ſich gründlichere Kenntniſſe in Mathematik, Naturwiſſenſchaft, wohl auch die Kenntniß einer oder der andren fremden Sprache, zu erwerben. Zur Erlernung der letzteren giebt es auch Gelegenheit an den Orten der beiden Schullehrer⸗Seminarien. Eben ſo haben wir Ueberfluß an Studierten(Lit⸗ teraten), namentlich an Theologen, welche jetzt ſchon, gemäß einer höheren Anordnung in ihrem prac⸗ tiſchen Curſus(zu Friedberg) ſich mit der Methode des guten Volks⸗Unterrichtes befreunden müſſen. Der wackere Theologe, ohnehin auf das Unterrichts⸗Weſen als einen weſentlichen Theil ſeines künftigen Berufes ſowie als vorläufiges Subſiſtenz⸗Mittel angewieſen, ferner der ſtrebſame und talentvolle Schulmann, wie viel freudiger werden ſie ihr Augenmerk demſelben und der Erwerbung mancher andrer Kenntniſſe und Fertigkeiten(der fremden Sprachen, des Geſangs, des Zeichnens) ihre übrige Zeit widmen, wenn ſie gewiß ſind, daß es vielfachere und ſ icherere Gelegenheiten zur Anwendung der⸗ ſelben giebt!.