Aufsatz 
Zur Methode des Unterrichts in der deutschen Sprache
Entstehung
Einzelbild herunterladen

17

richtes in der deutſchen Sprache noch ſo mager ſind! Was alſo anfangen? Als der Dichter Horaz einſt gefragt wurde, ob durch Natur oder durch Kunſt ein gutes Gedicht entſtehe, ſo ant⸗ wortete er:Ich für meinen Theil ſehe nicht ein, was bloßes Streben der Kunſt ohne reiche Anlage, noch was das bloße Talent ohne Kunſt auszurichten vermöchte. Das Eine fordert die Unterſtützung des Andren und muß mit ihm innig zuſammen wirken. Aehnlich iſt auch mein Rath in der vorliegenden Frage. Wollen die Lehrer der Volks⸗ und zum Theil auch der Realſchule es nicht er⸗ leben, daß nach langjährigem Abhaſpeln der Satzlehre ihre Schüler ſelbſt den einfachſten Gedanken noch hölzern niederſchreiben, ſo müſſen ſie die Gedanken derſelben wecken und bereichern durch eine entſprechende Lectüre. Wollen wir dagegen in den höheren Schulen nicht mehr die Erfahrung machen, daß nach ebenfalls Jahre langer Bereicherung aus der deutſchen, aus der fremden Litteratur der alten und neuen Welt die Schüler keinen ordentlichen Brief zu ſchreiben und den einfachſten Gedanken⸗ Ausdruck nicht mit den üblichen Satzzeichen darſtellen können, ſo dürfen wir hier auch die Satzlehre, das Studium der deutſchen Wortſtämme(denn dadurch wird unſere Mutterſprache uns erſt eine leben⸗ dige) nicht vernachläſſigen, etwa auf die oben von Hrn. R. angedeutete Weiſe. Der in den alten Sprachen kundige Lehrer wird um ſo weniger in die Gefahr des Zuviel gerathen, je mehr er das muſterhafte(logiſche wie äſthetiſche) Satzgebäude jener Sprachen zur theoretiſchen und practiſchen Uebung des Deutſchen anzuwenden weiß, ſo wie die feſte Bekanntſchaft des Hauptſächlich⸗ ſten der deutſchen Satzlehre das Verſtändniß der alten wie modernen Schrift⸗ ſteller ungemein erleichtert. Wollen die Gymnaſien überhaupt mit den Realſchulen einen Wettkampf beginnen, das Deutſche zur Grundlage des Unterrichtes zu machen, d. h. National⸗ Bildungsanſtalten zu werden; ſo haben ſie bei aller bisherigen Verſpätung noch einen großen Vorſprung durch das Halten auf eine ſorgfältige und geſchmackvolle Ueberſetzung der, auch den Römern von Horaz zu ähnlichem Zwecke empfohlenen, exemplaria graeca und der chartae Socraticae, und unter den vielen unmethodiſchen Lehrweiſen des Deutſchen in Gymnaſien iſt dieſe alte, in Ermangelung einer allgemein beſſeren, noch nicht die ſchlechteſte, beſſer wenigſtens als die, welche Themata zu Aufſätzen giebt, welche über die Faſſungsgabe der Schüler gehen. Denn unſere deutſchen Klaſſiker ſammt denen der modernen Sprachen haben meiſt auf dieſe Weiſe ſich eben zu Klaſſikern gebil⸗ det. Doch gut iſt gut und beſſer iſt beſſer. Göthe, der durch und durch an antiken Muſtern gebildete Göthe, bekennt bekanntlich von ſich, daß er viele Künſte getrieben, aber in einer nur es der Meiſter⸗ ſchaft nahe gebracht, in der: deutſch zu ſchreiben ohne Satzlehre. Aber das war Göthe, und wer bloß nach dieſem Muſter heute noch vorziehen würde, deutſch zu lernen oder zu lehren, müßte auch heut' zu Tage vorziehen, bloß per Achſe nach Rom zu reiſen. Was Göthe nach jenem Bekenntniſſe in gewiſſem Humor folgen läßt:Und ſo verderb ich Unglücklichſter... in dem ſchlechteſten Stoff leider nun Leben und Kunſt, das ſcheint auch auf manche Lehrer des Deutſchen in den höheren Schulen einen eben ſo ſchlimmen Einfluß durch Mißverſtändniß gehabt zu haben, wie manche andre ſeiner verkehrt aufgefaßten Sentenzen...

eee