Aufsatz 
Das erweiterte Gymnasium zu Worms, mit Beziehung auf das Octoberheft der pädagogischen Revue : zugleich ein Blick auf die Zukunft des deutschen Schulwesens überhaupt / Wilhelm Wiegand
Entstehung
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wie ſeit ſechs Jahren der Fall war, die Direction der hieſigen Stadtſchulen(die zugleich Gemeinſchulen ſind, d. h. ohne Unterſcheidung der Confeſſionen), mit der Direction des auf die beſchriebene Weiſe erweiterten Gymnaſiums vereinigt iſt.

Religionsuhterricht, alſo den gemeinſamen Grundlagen jedes Jugendunterrichtes, keine Spur zu finden iſt, wo alſo aller ſittliche Gehalt verfluͤchtigt wird und von der erziehenden, menſchenbilden⸗ den Kraft der Schule gar nicht die Rede ſein kann, und daneben aus den Gymnaſien den Unter⸗ richt in den neuern Sprachen als unnuͤtzen Ballaſt uͤber Bord zu werfen verſucht, die Realien aber, vor allen den mathematiſchen Unterricht auf ein Minimum beſchraͤnken moͤchte, um dieſelben, weil ſie in ſolcher Verkuͤmmerung allerdings nutzlos ſind, bald ebenfalls beſeitigen zu koͤnnen, hat man hier in Worms einen Verſuch gemacht, die beiden entgegengeſetzten Richtungen zu vereinigen, was uͤbrigens, ſoviel erinnerlich iſt, auch hie und da in Preußen in nicht unaͤhnlicher Weiſe geſchehen iſt. Die Einladungsſchrift des Dir. Wiegand zu der Michaelispruͤfung 1842 fuͤhrt deshalb mit Recht den Titel: Practiſcher Verſuch einer Verſoͤhnung der feindlichen Principien in dem hoͤheren unter⸗ richtsweſen. Mit Recht dringt Hr. W. in den Bemerkungen, welche er der Lehr⸗ verfaſſung(S. 4 ff.) nachſchickt, darauf, das Gymnaſium weder der Volks⸗ ſchule(mit der es doch in dem Elementarunterrichte nothwendig zuſammen⸗ haͤngt) noch auch der Realſchule(wie denn uͤberhaupt das hoͤhere Geiſtesleben ſich nie von dem Geſchaͤftsleben außer zum Nachtheil beider vooͤllig los loͤſen laͤßt) zu ſehr zu entfremden, und ſo hat denn das Gymnaſium zu Worms in Quinta(IV) und Quarta(III) Parallelclaſſen, die theils gemeinſamen theils getrennten Unterricht genießen. Wie in Worms locale Verhaͤltniſſe eine ſolche Vereinigung wuͤnſchenswerth machten, ſo mag anderwaͤrts eine Trennung das angemeſſenſte ſein, auf keinen Fall aber iſt jenes ganz abſtratte und einſeitige Verfahren zu billigen, wornach man Realſchule und Gymnaſium als voͤllig heterogene Bildungs⸗ anſtalten betrachtet und gar kein gemeinſames Verhaͤltniß zwiſchen beiden anerkennt, was dann nothwendig zu den groͤßten Mißverhaͤltniſſen fuͤhrt. Vielmehr koͤnnen dieſe Inſtitute nur dann gedeihen, wenn ſie ihre Eigenthuͤmlichkeiten mit einander austauſchen, das Gymnaſium an dem realen Elemente, die Gewerbſchule an dem humaniſtiſchen participirt, und ſo beide ſich als eben⸗ buͤrtig und gleich berechtigt anerkennen, waͤhrend jetzt leider noch zu oft das Gegentheil ſtattfindet, ſo daß z. B. der Gymnaſiallehrer meint, ein Schuͤler, der fuͤr das hoͤhere Studium ſich als un⸗ faͤhig erwieſen habe, ſei fuͤr die Realſchule noch lange gut genug, als ob die buͤrgerliche Geſellſchaft und ihr vielfach bewegtes Gebigt nicht ebenſoviel, wo nicht mehr Talent und Bildung erfordere,

weil hier das Individuum durch eigene Kraft ſich ſeine Stellung erringen muß, als der Dienſt im Staate und der Kirche, wofuͤr das Gymnaſium ja vorzugsweiſe ſeine Zoͤglinge bildet, waͤhrend umgekehrt der Lehrer der Gewerbſchule eine bevorzugte aͤußere Stellung fuͤr ſich in Anſpruch nimmt und ſie auch wohl ſchon gewonnen hat, und darum auf den Gymnaſiallehrer mit Geringſchaͤtzung herabſieht. Wenn nun gleich die Zeit noch fern ſein duͤrfte, wo die jetzt getrennten Bildungs⸗ anſtalten ſich wieder vereinigen, beide Richtungen, als gleich nothwendig fuͤr die wahre Erziehung betrachtet werden, ſo verdient doch dieſer Verſuch einer theilweiſen Ausgleichung beider Principien, wie er zu Worms gemacht worden iſt, gewiß die allgemeinſte Aufmerkſamkeit.

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