zähle mich zu denen, welche nicht an unſrer Zeit ganz verzweifeln, wiewol ich nicht in Abrede ſtellen will, daß der Verlauf dieſer Kriſis ſehr von den ärztlichen Händen ab⸗ hängen wird, denen die Aufſicht darüber anvertraut wurde. Dem etwas aufmerkſamen Beobachter jener Bewegungen der Zeit kann es wol nicht leicht entgehen, daß ſie großen Theils als Beſtreben eines Ueberganges erſcheinen aus dem Zuſtande der Gewohnheit zu dem der Selbſtbewußtheit, alſo überhaupt in dem Beſtreben einer vernünftigen Regenera⸗ tion und insbeſondere in Abſicht auf die Schule im Beſtreben einer Art von Selbſtheilung jenes Spaltes zwiſchen Gründlichkeit und Brauchbarkeit, zwiſchen Tüchtigkeit und Viel⸗ ſeitigkeit, zwiſchen Wiſſenſchaft und Nützlichkeit. Der Wiſſenſchaft und ihrem Nutzen die natürliche Vereinigung zu geben, iſt, wenn wir es kurz ausdrücken dürfen, auch der Hauptzweck des neuen Lehrcurſus, den wir mit dieſem feierlichen Augenblicke eröffnen. Aber, höre ich fragen, iſt die wahre Viſſeenſchaft nicht zugleich auch Nutzen?— Hat der Sonnenſchein erſt noch nöthig, ſeinen Vortheil nachzuweiſen?— Wird nicht dem, der zuerſt das Reich Gottes ſucht, das Uebrige beigegeben? Allerdings wahr, und auch ich theile dieſe Anſicht; aber die ganze Geſchichte unſeres deutſchen Volkes von dem Augenblicke, da unſere Voreltern ſich der Barbarei ihrer Ur⸗ wälder zu entwenden ſuchten, bis auf dieſen Tag, ich ſage, unſere ganze Geſchichte be⸗ weiſet, daß die Wiſſenſchaft und der von ihr erwartete Nutzen nicht immer Hand in Hand gingen, daß ſomit ihre Vermählung Schwierigkeiten haben muß*). Und in der That, auch in der ganzen Geſchichte des Menſchengeſchlechtes glänzt nur ein Volk, und auch dieſes nur eine kurze Zeit, bei welchem die uneigennützige Liebe zum Wiſſen ſo mächtig und glücklich war, daß der Nutzen von ſelbſt ihm folgte, wie dem Sonnenſchein
gelehrte Grille gehalten;z aber Niebuhr war kein Phantaſt und kannte auch das Leben. Maͤnner von ruhigem Verſtande und die mit dem Leben noch vertrauter waren, haben bisher das Geſtaͤndniß abgelegt, daß ſie derſelben Beſorgniß ſich annoch nicht ganz erwehren koͤnnen. S. Curtman: Die Schule u. das Leben S. 68.
*) Es lagen in dem Germanenthum urſpruͤnglich viele ſchoͤne Cultur⸗Faͤhigkeiten, aber offenbar daneben auch viel Hang zur Barbarei, woher zu erklaͤren, warum die Sonne der Cultur nach niemals den rechten Mittag und das Stadium der durchdringenden Wirkſamkeit erreichen konnte. Dieſen Hang hat ganz weder das Chriſtenthum abſorbirt, noch die Studien des klaſſiſchen Alterthums, noch Peſtalozzi's Volksſchulen, theils eben wegen jenes angeerbten Hanges zur Uncultur, der ſich von Zeit zu Zeit immer wieder heraus gewendet hat, theils weil das jedesmalige Streben der Cultivirung nur partikulaͤr war, um es mit dem mildeſten Ausdruck zu nennen. Die ſ. g. Real⸗Inſtitute koͤnnen Viel zur allſeitigen Verbreitung der ächten, d. h. an ſich heilbringenden Cultur(Suchet zuerſt das Reich Gottes ꝛc.) beitragen, wenn ſie das Chriſtenthum als leitendes Princip nicht ver⸗ nachlaͤſſigen, wenn ſie die traditionelle Cultur, den Geiſt der klaſſiſchen Studien, nicht verachten, wenn ſie den volksthümlichen Sinn und die Methoden Peſtalozzi's nicht unbenutzt laſſen.


