Aufsatz 
Abschiedsworte des Prof. E. W. Wiedasch vor seiner Abreise nach Ilfeld, gesprochen am 5. Sept. 1833
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

ſen ſoll. Ich fühle es ſchwerer, als je, wie viel ich des Theuerſten, des Innigſten, des Herrlich⸗ ſten, was das Leben bieten kann, für eine noch verhüllte Zukunft hingebe; ich fühle es tiefer, als je, wie dieſe heiligen Bande, nun unſanft getrennt, mir nicht leicht wieder zu knüpfen ſind. Die freund⸗ lichſten und ſchönſten Erinnerungen ſtehn in dieſem Augenblicke vor meinem Geiſte; wie theure An⸗ verwandte am Ufer, winken ſie liebend dem Fortſegelnden zu; und die unerfreulichen, nun über⸗ wundenen, ſie treten als kräftige Schatten zurück und ſchmücken noch das Bild der reichen Vergan⸗ genheit. So eint ſich Alles, mir die Seele mit ſchmerzlicher Wehmuth zu erfüllen und den letzten Schritt aus dieſer Mitte zu erſchweren. Aber laſſet uns nicht blos bei dem Schmerzlichen verweilen, was die Trennung beglückender Bande mit ſich führt. Das Scheiden hat auch Erweckendes und Beſeligendes. Die liebende Vor⸗ ſehung, die Thränen in den Becher des Abſchieds miſchte, ſie füllte ihn auch mit ſüßen Freuden. Nicht ohne große Bedeutung für uns ſelbſt tritt mitten in unſer heiterſtes Daſeyn ein trennendes Ge⸗ ſchick und richtet mit Allgewalt unſre Kraft auf ein neues Ziel. Ein ſolcher Halt und Wendepunkt iſt ein labender und ſtärkender Ruheplatz in unendlicher Ferne, die des Wandrers Fuß zu durchmeſſen hat. Es iſt gut und heilſam, daß der Menſch verweile an den wichtigen Abſchnitten ſeines Lebens und zu dieſen gehört doch wohl die Stunde des Abſchieds? Rückwärts und vorwärts zu blicken mit ſinnendem Geiſte findet er ſelten, oder nimmt er ſich ſelten die Zeit. Aber beim Scheiden thut er einen tiefern Blick in ſein Leben: Mittel und Zweck, Anfang und Ende wird ihm klarer; es geſtaltet ſich ihm zum ſchönen Ganzen in dem weiſen Plane der Vorſehung. Er überſchaut einmal ſein Werk in der zurückgelegten Bahn, und ſieh eine niegefühlte Freude durchdringt ſein Innres: alle Schwierigkeiten, alle Hinderniſſe, alle Widerwärtigkeiten ſind bekämpft, nur der beglückende Erfolg ſteht da; alle Mißverhältniſſe ſind ausgeglichen, nur der lichtvolle Zuſammenhang entwickelt ſich vor ſeinen Blicken. So gering ſein Thun, er ſieht es doch mit Wohlgefallen, er ſieht es mit einge⸗ reiht in den großen Bund aller Menſchenkraft. Mit gerechter Wage wägt er, was ihm zu Theil geworden, mit dankendem Herzen würdigt er Gutes und Böſes, was ihm frommte, mit zarterer Liebe umfaßt er die Freunde, die ihm, treu verbunden, die Fülle ſeines Glückes ſchufen. Sechzehn Jahre ſind es, ſeit ich in dieſer freundlichen Stadt meinen Wirkungskreis antrat. In völliger Klarheit liegen ſie vor mir ausgebreitet: ich ſah dieſe Anſtalt gründen, ich ſah ſie Wurzel faſſen, ich ſah ſie unter mancherlei Unfällen ſtark werden zur Blüthe: ſie war die Werkſtätte, in der auch ich meine Kraft verſuchte. Fürwahr ein herrlicher Rückblick! die ſchönſte Ausſicht, die ich je genoſſen, reich an Blüthe, reich an Frucht, reich an Ernte! Da iſt kein Schatten⸗, kein Son⸗ nenpfad, keine Höhe, keine Tiefe, wo ich nicht gern verweilte, da iſt keine Stelle, wo ich nicht ſuße Luſt empfunden, wo ich nicht liebe Gaben empfangen! Ja ich erkenne ganz den Werth und die Bedeutung jener Jahre, ich preiſe mit dankerfülltem Herzen die gütige Vorſehung, die mich dieſe Wege leitete! Aber Nichts dringt mir doch aus dieſer ſegensreichen Vergangenheit näher an die Seele, Nichts erkenne ich freudiger an, als was ich Ihnen, verehrte Männer, im Laufe dieſer Jahre ver⸗ danke. Ich könnte jedes Einzelnen wohlwollende Geſinnung gegen mich anführen, ich könnte die unzähligen Beweiſe der Theilnahme, der Freundſchaft, der Liebe, des Vertrauens anführen ich bewahre ſie alle in warmem Herzen, und keiner derſelben iſt vergeſſen doch ich will nur berüh⸗ ren, was Sie mir in Beziehung auf die ſchweren Pflichten meines Amtes, auf unſern gemeinſamen Beruf als Mitlehrer waren. Fürwahr ich arbeitete mit Luſt und Liebe an dieſer Anſtalt; aber wie wäre dies mir ſo leicht, oder wohl möglich geweſen, ohne Ihre vereinte Kraft, ohne Ihren Rath, ohne Ihre Einſicht, ohne Ihren Eifer? Sie waren es, an die meine ganze Wirkſamkeit ſich knüpfte,