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Abſchiedsworte des Profeſſors E. W. Wiedaſch vor ſeiner Abreiſe nach Ilfeld,
geſprochen am 3. September 1833.*)
So iſt es denn zur Wirklichkeit geworden, was ich mir bisher als unmöglich dachte, weil ich es ungern dachte, zur Wirklichkeit iſt es geworden, daß ich heute zum letzten Male vor Ihnen, theure Freunde und Mitlehrer, vor Euch, geliebte Schüler, auftrete, um ein Wort auszuſprechen, das die Saiten des Herzens mächtig erſchüttert, das Wort des Abſchiedes. Mit Ruhe vermag der beſ⸗ ſere Menſch auch ein herbes Geſchick zu ertragen, mit ſtolzem Muthe rüſtet er ſich auf die Schrecken der Zukunft, mit Freudigkeit vermag er den Gefahren des Todes zu trotzen: aber mit tiefem, un⸗ bezwingbarem Schmerze erfüllt ihn jene Stunde, wo er ſich trennen ſoll von dem, was ihm lieb und theuer war. Da iſt ihm, als hätte er alle Kraft des Willens, alle Stärke der Seele verloren, da gibt es keinen Widerſtand mehr, mit williger Hingebung des Sieges nimmt er die Wohlthat der Thränen an, die ſeine Wehmuth befreien.
Und in der That ſie ſind erklärbar die Schmerzen der Trennung. Mit tauſend Banden ſind wir an die Gegenwart gefeſſelt: ſie ſind die Glieder in der Kette unſrer Lebensfreuden, und jeder Riß derſelben dringt bis zur Lebensquelle ſelbſt. Durch alle dieſe Bande ſind wir mit gleichſtrebenden, helfenden, ſchützenden, liebenden Weſen verflochten: die Trennung jener iſt unvermeidlich mit der Trennung von dieſen, und dem fühlenden Menſchen ein bittrer Schmerz. Nicht minder feſſelt die eigne Thätigkeit: das ſelbſtgeſchaffene Werk, ſey es noch ſo unbedeutend, ſey es im Beginnen oder im Wachſen, gibt nur ungern auf, wer mit freiem Trieb arbeitete, und je gedeihlicher es war, je ſegensreicher für ihn und Andre, deſto empfindlicher der Augenblick, wo er es abbrechen und ein neues von ungewiſſem Erfolg beginnen ſoll. Mächtig übt auch die Gewohnheit ihre Rechte; ſie iſt des Menſchen Amme, wie unſer Dichter ſagt: das Kind aber weint, wenn es von ihr genommen wird.
So natürlich, ſo menſchlich, und darum ſo tiefeindringend ſind die Schmerzen, wenn wir aus der Mitte geliebter Verhältniſſe geriſſen werden: die Summe aller durch ſie hervorgerufenen theuren Erinnerungen drängt ſich im Momente des Scheidens in Einen Punkt zuſammen, und läßt ſich nicht von der Seele heben ohne ſchweren Kampf.
Ja auch ich fühle es in dieſer mir feierlichen Stunde ſchwerer, als je, welch eine Reihe beglückender Verhältniſſe ich abbrechen, welch einen ſchönen Verein zur Bildung künftiger Geſchlech⸗ ter, welch eine fruchtbare Pflanzſchule für Sitte und Recht, für Kunſt und Wiſſenſchaft ich aufge⸗ ben, welch einen Kranz ehrwürdiger Freunde, welch einen Kreis hoffnungsvoller Jugend ich verlaſ⸗
*) Um einem mehrfach geäußerten Wunſche zu entſprechen, werden dießmal, ſtatt einer Abhandlung, die hier ſolgenden Erinnerungen an den unſrer Anſtalt ſo theuern Lehrer mitgetheilt. Am obengenannten Ab⸗ ſchiedstage fanden ſich des Morgens Lehrer und Schüler im großen Saale ein; den bewegten Worten des Scheidenden erwiederte der Director und gedachte dabei kurz eines der Heroen unſrer Litteratur, des heitern Wie land, der an demſelben Tage vor hundert Jahren das Licht der Welt erblickt hatte. Darauß bergab der Oberlehrer Dr. Schirlitz im Namen der Collegen ſein lateiniſches, der Primaner Moriß Eerrfree aue Namen ſeiner Mitſchüler ein(ſelbſtaefertigtes) teutſches Gedicht. Des Abends brachten die pmnaſiaſten der obern Claſſen eine Nachtmuſik und uberreichten einen ſilbernen Pocal mit einer Inſchrift
aus Homer(Odx*s. XXIV, 402.), welche in der Ueberſetzung heißt:„Heil und Freude mit Dir! Unſterbli⸗ Oe mögen Dich ſegnenle— 1


