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dürft Ihr getrost als das Vermächtnis des Toten aus dem Munde eines Lebenden. ansehen und in die Tafeln Eures Herzens mit tiefen Zügen eingraben, dann werden die Lippen des Heim- gegangenen noch aus dem Grabe zu Euch sprechen.
welche Ideale ihn als Menschen und Juden erfüllten, welche Ideale uns vielmehr nach seiner Überzeugung von dem Gottesgesetze für alle Ewigkeit gewiesen seien, das hat der Heimgegangene in einer Reihe von grösseren und kleineren Schriften und Reden, die alle tief durchdacht sind, eingehend entwickelt. Der grössere Teil dieser fruchtbaren litte- rarischen Thätigkeit fällt in das letzte Jahrzehnt seines Lebens, und wir halten es für unsere Pflicht, der wichtigsten Veröffentlichungen wenigstens heute zu gedenken und sie kurz zu charakterisieren. Zwei derselben gehören zusammen, sowohl wegen der Verwandtschaft der Stoffe, die ihren Inhalt bilden, wie auch in der ganzen Art der Behandlung, die in beiden zur Anwendung kommt. Es sind dies die„Haftoroth“¹³) und die„Zwölf Prop heten, Uber- setzungund Commentart. Diese Werke sind so recht aus der Unterrichtspraxis heraus- gewachsen. Sie geben uns einen Einblick in die Unterrichtsmethode des entschlafenen Leh- rers und lassen uns ahnen, wie meisterhaft er es verstanden haben müsse, den knappen und häufig wie mit einem Siegel verschlossenen Worten der heiligen Männer der Vorzeit— wenn wir uns des gewagten Bildes bedienen dürfen— die Zunge zu lösen. Die Gedanken jener gewaltigen Gottesmänner sind freilich aus ganz bestimmten geschichtlichen Voraussetzungen in erster Reihe zu begreifen und zu erklären. Aber die machtvollen Zuchtreden und die von dem Odem des Heiligen Israels angewehten Gesichte unserer Seher erheben sich mit rauschen- den Flügelschlägen hoch über jenes Fleckchen Erde, auf welchem jene Männer und ihr Volk leiblich sind gewandelt, weit hinaus über die flüchtigen Stunden der Zeit, aus welchen heraus die Gedanken und Verheissungen, die Androhungen und Tröstungen sind empfangen und gebo- ren worden. Für alle Ewigkeit sind jene Reden erklungen, und die ganze menschentragende Erde hat in banger Ehrfurcht ihnen zu lauschen. Die sittlichen Massstäbe, welche die Gottesmänner uns gewiesen, sind erhaben über den Wandel der Zeiten. An ihnen muss nicht, nur das Thun des einzelnen, im stillen Frieden seines Zeltes lebenden Menschen, an ihnen müssen vielmehr auch die Thaten der Staatenlenker und der Volksgesamtheiten gemessen und vollwertig befunden werden. Die heiligen Schriften dürfen uns nie rein historisch werden, die jedesmalige Gegenwart soll vielmehr von ihnen die wahre Beleuchtung erfahren. Sie bieten uns den Faden, an welchem wir uns im Lärme der Welt und im Labyrinthe der Tages- fragen zurechtfinden sollen. Den Tagesfragen und Tageslösungen gegenüber, die, eine Geburt des Tages, die Nacht nicht überleben, enthalten jene die Antworten für die Ewig- keit. Die unabweislichen Rätsel, die der mündigen menschlichen Vernunft von den ältesten Zeiten her sich aufgedrängt haben, die ewigen Anliegen der Herzen und Gewissen— alle diese Rätsel, Anliegen und inneren Konflikte, sie sind von den Propheten aufgeworfen und erörtert und mit einem gerade in seiner Einfachheit ſergreifenden Tiefsinn geschlichtet wor-
¹5) Unter„Haftoroth versteht man eine nach den Bedürfnissen der synagogalen Liturgie angelegte Anthologie von Stücken aus den nachmosaischen Teilen der Bibel, welche allsabatlich und an den hohen Fest- tagen in der Synagoge verlesen werden. Der Verfasser behält mit Absicht, der volkstümlich gewordenen Aus- sprache folgend, die Benennung„Haftoroth“ bei, obwohl die grammatische Korrektheit die Aussprache „Haftaroth“ erheischt; s. die Vorrede zu dem genannten Buche.


