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die Vorsehung, von der es heisst, dass sie den Geist der Gedrückten belebe, und das Herz des Gedemütigten erquicke.“
Und diese herrlichsten Wonnen der Erde hat der von uns Hinweggenommene häufig und in reichen Zügen gekostet. Damit aber berühren wir geradezu eine Glanzseite an dieser hervorragenden Persönlichkeit. Jener Satz des Maimonides war ihm geradezu aus dem Herzen gesprochen. Warm fühlte er mit den Unglücklichen, und diese, die es wussten, suchten ihn häufig auf und fanden bei ihm stets eine offene Thür und ein aufmerksames Ohr. Gar vielen armen Knaben und Mädchen hat er durch seinen grossen Einfluss Gelegenheit verschafft unsere Schulen zu besuchen, und ihnen dadurch die Bahn für ihr ferneres Fortkommen geebnet. Und nun gar sein Verhalten zu den jüdischen Fremdlingen! Er schämte sich dieser Aermsten nicht, deren Fuss nimmer ermüden und nimmer rasten darf, sondern immer zum Aufbruch und Weiterwandern bereit sein muss. Gar viele von ihnen, die durch Elend, Unterdrückung, Verfolgung oder gar Austreibung aus ihrer bisherigen Heimat in Russland oder Galizien aufgescheucht, hier eine Zuflucht gefunden haben, hat er getröstet und beraten. Er kannte das ergreifend traurige Alphabet der Leidenszüge, welche Kummer, Verhöhnung Heimatlosigkeit und Hunger in die sonst so charakteristischen Gesichter unserer armen, ruhelosen Brüder hineingefurcht haben. Er, der die Gegnerschaft anderer Kreise nicht ge- fürchtet und nicht gescheut hat— unter den Armen hat er keinen Feind gehabt. Er, der sonst auch streng und unbeugsam sein konnte— im Umgange mit Armen und Beladenen und Fremdlingen war er milde, und weich und geduldig und sanftmütig. Die Kinder der Armen und die verwaisten Schüler haben an ihm einen treuen und warmen Anwalt verloren. Gar manches Vergehen, welches sonst bestraft worden wäre, bedeckte er mit dem Mantel seiner hochherzigen Liebe zu allen Unglücklichen, wenn es sich um Verfehlungen von Schülern jener Kreise handelte. Da erinnerte er zuweilen an das Psalmenwort:„Tastetit) nicht meine Gesalbten an“ und an seine talmudische Auslegung:„Die Gesalbten Gottes, das sind die den Lehrern anvertrauten Kinder“¹²). Oder er führte zuweilen ein anderes Talmudwort im Munde: „Gehet sorglich um mit den Kindern der Armen, denn von ihnen wird das Gotteswort aus- gehen.“ ¹³) Und so ist er auch von den Armen in unserer Gemeinde geradezu verehrt worden.
Zu Hunderten sind sie seiner Bahre gefolgt, und Thränen rollten— wir haben es mit unseren eigenen Augen gesehen— über ihre verhärmten Züge auf den Gottesacker nieder,
in dessen Schoss sein müder Leib versenkt wurde, der vor wenigen Stunden noch ein mit den gequälten Menschenkindern so heiss mitfühlendes Herz umschlossen hielt. Ja, soll ich Euch, Ihr Jünglinge unserer Anstalt, zum dauernden und fruchtbringenden Andenken an diese wehmutsvolle Stunde das Testament des entschlafenen Lehrers an Israels Jugend in kurzen und kernigen Worten zusammenfassen? Nun, ich glaube aus seinem Geiste heraus zu sprechen, wenn ich Euch ein in rein sittlicher Beziehung von unseren Alten aufgestelltes Jünglings- ideal verkünde:„Israels Jünglinge, sagen unsere Weisen im Talmud, sollen lieb- reich sein, Israels Jünglinge, sagen sie, sollen barmherzig sein, und Israels Jünglinge, sagen unsere Weisen, sollen keusch und schamhaft sein.“⁴⁴) Diese Worte
11) Psalmen, cap. 105, 15. 1²) Talmud Traktat Sabbat 119b. 13) Talmud Nedarim 81a. ¹⁴) Talmud Jebamoth, pag. 79 a.


