Aufsatz 
Jüdische und heidnische Zeugnisse über Christus und das Christentum aus den zwei ersten Jahrhunderten vor und im ersten Jahrhundert nach Christus : 2. Teil. Die Zeit der Erfüllung der Sehnsucht
Entstehung
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wurden. Nero hatte zu diesem Schau- aut crucibus affixi aut flammati atque ubi spiele seine Gärten geboten und veranstal- tete ein Circusspiel, wo er in Wagelenkers Tracht sich unter das Volk mischte oder urerentur. Hortos suos ei spetaculo Nero auf dem Wagen stand. Daher fing man obtulerat et circense ludicrum edebat ha- auch an, Mitleid mit den Hingerichteten zu haben, obgleich sie schuldig waren und die ärgsten Strafen verdient hatten; sie schienen nicht so sehr dem Gemeinwohle, eêt novissima exempla meritos miseratio

defecisset dies in usum nocturni luminis bitu aurigae permixtus plebi vel curriculo insistens. Unde quamquam adversus sontes

als der Wuth des Einen Mannes zum oriebatur, tamquam non utilitate publica Opfer gefallen zu sein.

sed in saevitiam unius absumerentur.

Ueber diese Stelle lässt sich eine ganze Reihe von Betrachtungen anschliessen, von denen wir einige anführen. Die Christen werdenper flagitia invisi, odio humani generis convicti, sontes et novissima exempla meriti genannt. Aber keinerlei einzelnes Verbrechen wird ihnen gerichtlich nachgewiesen; sie erben, da sie als Judensecte gelten, bei dem höheren und niederen römischen Pöbel eben die Acht und Aberacht, unter der das jüdische Volk leidet. Allgemeine, vage Verleumdungsphrasen sind sonst nur des Pöbels Sache; hier spricht sie ein römischer Historiker ganz gelassen und befriedigt nach. Wie anderwärts bei den Israeliten, ist es ihm auch hier bei dem Volke der Christen nicht der Mühe werth, über Glauben, Sitten, Gesetze, Leben, Gottesdienst etc. der Christen aus den rechten Quellen Untersuchungen anzustellen und mitzutheilen; er hält es mit dem Vulgus. Wie unvergleichlich höher steht über dem hochfahrenden Heiden und seinem kalten, wegwerfenden Römerstolz sein edler, humaner und sinniger Freund Plinius der Jüngere.)) Was Tacitus beklagt, ist nur der Umstand, dass nicht das Gemeinwohl, sondern einzig der dem Republikaner als Monarch und als Despot verhasste Nero die dämonische Mordscene veranstaltete.

Neben dieser grauenhaften Nachtseite bietet der Bericht des Tacitus aber auch einen erfreulichen Lichtpunkt. Er spricht von einer multitudo ingens der Christen; Tacitus war mit weitem Blicke begabt und an grossartige Verhältnisse gewohnt; wenn er einen solchen Ausdruck gebraucht, dann muss die Ausbreitung des Christenthums in so kurzer Zeit grossartig gewesen sein. Damit stimmt denn auch die Angabe des heiligen Paulusz) und der Bericht des jüngern Pliniuss).

Endlich berichtet Tacitus nicht, dass von der multitudo ingens auch nur Einer ab-

¹) Epist. lib. X. 97. Die Aechtheit dieses merkwürdigen Briefes wird neuerdings wieder sicher ge- stellt durch Gaston Boissier in der Revue archéol février 1876 p. 114126.

2) Röm. 1. 8. 1 Thess. 1. 8. 3) epist. lib. X 97.