Aufsatz 
Die Arithmetik des Elia Misrachi : ein Beitrag zur Geschichte der Mathematik / von Gustav Wertheim
Entstehung
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Dieselbe Selbständigkeit des Urteils, die er in der Wahl des Stoffes bekundet, zeigt er auch in der Darstellung. Ueberall geht er der Sache auf den Grund und kommt dadurch zuweilen, wie wir unten sehen werden, zu ganz originellen Beweismethoden.

Das Sefer-Hamispar, zu dessen Betrachtung ich mich nach diesen Vorbemerkungen jetzt wende, ist ein Quartband von 110 Blättern. In demselben sind nicht die Seiten, sondern nur die Bogen numeriert; der Kürze halber werde ich aber in meinen Hinweisungen immer die betreffenden Seiten angeben. Der Umstand, daß das Werk erst nach dem Tode des Ver- fassers gedruckt worden ist, hat zahlreiche Ungenauigkeiten veranlaßt, die ich, soweit es er- forderlich war, stillschweigend berichtigt habe.

In der Einleitung giebt Misrachi eine Einteilung der Wissenschaften: Theologie, Mathematik und Naturwissenschaft, und bespricht deren Verhältnis zu einander. Die Gegen- stände der Theologie, der göttlichen Wissenschaft, sind frei und unabhängig von jeder Materie, die Gegenstände der beiden anderen Wissenschaften nicht, sondern sie sind entweder mit einer sinnlich wahrnehmbaren Materie notwendig verbunden, so daß der Gedanke sie nicht ohne die- selbe erfassen kann, wie Mensch, Pflanze u. s. w.(Naturwissenschaft), oder sie können vom Verstande ohne sinnlich wahrnehmbare Materie begriffen werden, wenngleich sie ohne eine solche nicht ins Dasein treten können, wie Dreieck, Quadrat u. S. W.(Mathematik). Danach nimmt die Mathematik eine vermittelnde Stellung zwischen der Theologie und der Naturwissenschaft ein und verdient die größte Aufmerksamkeit. Sie ist gleichsam eine Brücke, über welche unser Gedanke von den sinnlich wahrnehmbaren Dingen, mit denen wir von Kindheit an vertraut sind, zu den geistigen schreitet, an die unsere Sinne nicht gewöhnt sind, und die in ihrer Feinheit unseren Seelen gleichen. Nur durch die Mathematik führt der Weg zur Erkenntnis der Dinge.

Von den vier Teilen der Mathematik: Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik, sind die beiden ersten die allgemeineren und daher wichtigeren, und da die Geometrie die Arithmetik voraussetzt und ihrer bei der Ausmessung der Dreiecke oder Vierecke oder Acht- ecke u. s. w. bedarf, während die Arithmetik von der Geometrie gan⸗z unabhängig ist, so muß die Behandlung der Arithmetik derjenigen der anderen Wissenschaften vorausgehen.

Misrachi setzt dann auseinander, was ihn bewogen habe, den Gegenstand, über den schon die früheren Gelehrten geschrieben, aufs neue zu behandeln. Dieselben hätten, sagt er, nur das Verfahren zur Lösung der Aufgaben und dessen Abkürzungen gelehrt, nichts weiter. Wenn aber den Schülern die Gründe der Methoden unbekannt blieben, so lernten sie nur die Verfahrungsarten des einen Verfassers kennen, dem sie folgten, diejenigen anderer Schriftsteller blieben ihnen verschlossen, und noch weniger würden sie befähigt, selbst Methoden zu erfinden und Aufgaben zu lösen, mit denen sie sich vorher nicht beschäftigt hätten.

Dazu käme noch ein anderer Grund, nämlich die Liebe zu seinen teuern Schülern, die ihn gebeten hätten, für sie ein Buch zu schreiben, welches alle von den früheren Schrift- stellern befolgten Methoden mit ihren Gründen und Beweisen lehre. Deshalb habe er dieses Werk verfaßt, das vielleicht auch manchem Gelehrten Arbeit ersparen und dadurch von Nutzen sein werde. Man werde in dem Buche auch neue Methoden finden, die er selbst ersonnen habe. Es sei zwar nicht zu erwarten, daß er alle Wege anzeige, die zur Lösung der Aufgaben überhaupt möglich seien; aber mittels der Gründe und Beweise, die er gebe, werde der Leser

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