Aufsatz 
Die Arithmetik des Elia Misrachi : ein Beitrag zur Geschichte der Mathematik / von Gustav Wertheim
Entstehung
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Die Arithmetik des Elia Misrachi.

Ein Beitrag zur Geschichte der Mathematik.

Die Eroberung Konstantinopels durch die Türken, die dem morschen oströmischen Reiche ein Ende machte und indirekt nicht wenig zur geistigen Wiedergeburt Europas bei- trug, war auch für die von den byzantinischen Kaisern geknechteten Juden ein erlösendes Ereignis; denn der Eroberer gestattete ihnen, sich frei in den Städten seines Reiches nieder- zulassen und Synagogen und Schulen zu errichten.

Es war das ein um so größeres Glück, als zu dieser Zeit die Verfolgungen und Be- drückungen der Juden in den übrigen europäischen Ländern immer heftiger wurden, bis sie in der brutalen Austreibung aller Juden aus Spanien(1492) und Portugal(1496) ihren Gipfel erreichten. Die Sultane Bajazet, Selim I und Soliman I nahmen die flüchtigen Juden mit großer Zuvorkommenheit auf und räumten ihnen dieselbe Freiheit ein, welche andere Völker, wie die Armenier und Griechen, genossen. Die Juden kamen aber auch wie gerufen; denn die Türken, die in den Künsten des Friedens wenig erfahren waren, mochten den im Lande wohnenden Christen nicht trauen, aber auf die Dankbarkeit und Treue der Juden konnten sie unbedingt zühlen, und letztere, namentlich die aus Spanien eingewanderten, hatten gerade die Eigen- schaften, die den Türken abgingen. Daher war bald nicht blos die Schifffahrt und der gesamte Handel in ihren Händen, sondern sie trieben auch Handwerke und Künste; sie verfertigten Rüstungen und Waffen, gossen Kanonen, fabrizierten Pulver und lehrten die Türken damit umzugehen. Auch als Dolmetscher und diplomatische Unterhändler wurden die in Folge ihrer vielen Wanderungen völker- und sprachenkundigen Juden im türkischen Reiche verwandt.

Schon der Sultan Mohammed II. hatte bald nach der Besitzergreifung Konstantinopels einen jüdischen Oberrabbiner für alle türkischen Gemeinden in der Person des gelehrten und tüchtigen Mose Kapsali ernannt, den er sogar in den Divan berief und dadurch besonders auszeichnete, daß er ihm den Platz neben dem Mufti anwies und ihm den Vortritt vor dem griechischen Patriarchen, dem Oberhaupt sämtlicher Griechen seines Reiches, einräumte. Das Amt dieses Oberrabbiners war ein ungemein wichtiges: Er verteilte die Steuern, welche die Juden einzeln oder gemeindeweise zu zahlen hatten, ließ die Gelder einziehen und in die Kasse des Sultans abliefern; er bestätigte die Rabbiner und hatte gewisse Strafbefugnisse über sämtliche Gemeindemitglieder.

Als Mose Kapsali 1495 starb, übernahm Elia Misrachi das Oberrabbinat und be- kleidete dasselbe bis zu seinem 1526 erfolgten Tode. Er war um 1455 geboren und stammte wahrscheinlich aus einer in Konstantinopel eingewanderten griechischen Familie. Ein Schüler