Aufsatz 
Über die Philosophie des Sokrates, mit besonderer Berücksichtigung der Abhandlung Schleiermachers:"Über den Wert des Sokrates als Philosophen"
Entstehung
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ſubtilſten Unterſuchungen iſt dieſe Wahrheit immer auf's neue bewährt hervorgegangen, die Wahr⸗ heit, aus welcher die Chriſtenheit, ohne Unterſchied des Zeitalters, der Nationalität und Bildungs⸗ ſtufe, die koſtbarſten Güter gewonnen hat. Dieſe ſündloſe Heiligkeit, dieſe ſtille und doch ſo mäch⸗ tig wirkende Größe nach den vier Evangelien den Schülern nahe zu bringen, darin beſteht die Hauptaufgabe des Religionsunterrichts nach der Seite ſeiner ethiſchen Kraftentfaltung. Wer ſich mit unverworrenem offenem Sinne an dieſe Quelle der Evangelien wendet, der wird finden, daß das Lebensbild Jeſu ihn unmittelbar über alles Irdiſche, Niedrige und Gemeine hoch emporhebt und mit dem Gefühl der göttlichen Nähe durchdringt; er wird ſich ſagen müſſen, daß er, wenn er ſich mit dieſer Erſcheinung innerlich ins Reine ſetzen will, ſelbſt von Grund aus ein anderer Menſch werden müſſe, und er wird auch die Ueberzeugung gewinnen, daß es keine andere ſitt liche Erſcheinung auf Erden gibt,... welche ſo wie dieſe auf eine höhere Ordnung der Dinge und auf einen über den menſchlichen Zuſammenhang hinausliegenden göttlichen Urſprung hinweiſt ¹). Das Licht, welches von dem zweiten Adam, dem Mittelpunkte der Weltgeſchichte ausſtrahlt, zeigt die menſchliche Ausgeſtaltung deſſen, was in der gottmenſchlichen Fülle des Idealmenſchen in ab⸗ ſoluter Vollkommenheit gegeben iſt. In die Morgendämmerung der Geſchichte der Menſchheit fallen die Strahlen, gleich den die Wolken des Himmels und die fernſten Alpenrieſen vergoldenden Vor⸗ boten des nahenden Tagesgeſtirns, hin auf die herrlichen Verheißungen des alten Teſtamentes und deren Träger bis zu den Pforten des Paradieſes und beleuchten die Spuren eines groß⸗ artigen göttlichen Heilsplanes, und vorwärts ſtrahlt und leuchtet ſeine Glorie durch die Geſchichte ſeiner Kirche hin, viel ſchärfer beleuchtend, da nun die Sonne ſelber über den Bergen ſteht. Da ſteht, verklärt und durchwärmt von dieſem heiligen Lichte, vor allem der große Völkerapoſtel Paulus. Kein Menſch hat je mit gleichem Rechte ſagen können:Nicht ich lebe, ſondern Chriſtus lebet in mir, und keiner iſt zugleich mit ſeiner Niedrigkeit und Demuth von ſo eminent vorbildlicher Be⸗

Plato: Ohne irgend ein Unrecht zu thun, Jeſaias 53. Wir achteten ihn von Gott ge⸗ habe er(der Gerechte) den größten Schein der Un⸗ ſtraft und geplagt(v. 4), ob er gleich kein Un⸗ gerechtigkeit, recht gethan und kein Trug war in ſeinem

damit er uns ganz bewährt ſei in der Gerech⸗ Munde(v. 9). tigkeit, indem er auch durch üble Nachrede und alles, Er ward gemißhandelt, da er doch ſich demü⸗ was daraus entſteht, nicht bewegt wird, ſondern thigte und ſeinen Mund nicht aufthat wie unverändert bleibe bis zum Tode. ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird.

(v. 7).

Endlich wird er gefeſſelt, gegeißelt, gefol⸗ Er ward verwundet, zerſchlagen(v. 5), tert, geblendet und zuletzt, nachdem er alles mög⸗ durch Trangſal undStrafgericht warder hin⸗ liche Uebel erduldet, auch noch gehängt werden. gerafft(v. 8), man gab ihm bei Frevlern ſein

Grab und bei Gottloſen in ſeinem Tode(v. 9). Tritt in dieſer Gegenüberſtellung die Uebereinſtimmung in den Zügen der beiden Gerechten deutlich zu Tage, ſo geht Jeſaias bekanntlich mit andern, hier abſichtlich bei Seite gelaſſenen Zügen weit über das Platoniſche Ideal hinaus. Denn der Gerechte des Propheten iſt nicht nur ein der Loyalität im eminenten Sinne entſprechen⸗ der Staatsbürger, ſondern ein Gott wohlgefälliger Träger ſeines Geiſtes und Verkündiger ſeines Rechtes an die Völker(c. 42, 1). Außerdem aber erſcheint ſein Leiden als ein ſtellvertretendes, um ſeines Volkes willen über ihn verhängtes(c. 53, 4 6); daher auf die Erniedrigung die Erhöhung folgt zum Heile Vieler, auch über die Grenze des eigenen Volkes hinaus(c. 42, 6; c. 53, 10 12). ¹) Ullmann a. a. O. 97.