12) Die Herbstferien dauerten vom 15. August bis zum 19. September.
13) Zu Beginn des Wintersemesters trat Kandidat Steubing, der zu Ostern 1890 das vor- schriftsmäſsige Probejahr an der Anstalt vollendet und sich darauf 16 Wochen lang einer militärischen Dienstleistung unterzogen hatte, als unbesoldeter Hilfslehrer wieder in das Kollegium ein. Auch der Hilfslehrer Baumann, der von seiner schweren Erkrankung(vergl. Programm 18990, S. 37) genesen war, übernahm wieder einige Lehrstunden.
14) Im vorigjährigen Programm berichteten wir(S. 37), dals der Oberlehrer Ammann im Januar 1890 wegen eines nervösen Leidens sich gezwungen sah, um Beurlaubung nachzusuchen. Da ihm von ärztlicher Seite dringend abgeraten wurde, seine Berufsthätigkeit wieder aufzunehmen, die ihm auch durch aufserordentliche Schwäche der Augen und Kurzsichtigkeit sehr erschwert war, so entschloſs er sich, die Versetzung in den Ruhestand zum 1. Oktober 1890 zu erbitten. Die vorgesetzte Behörde will- fahrte seinem Antrage und sprach ihm dabei für die in 26-jähriger Wirksamkeit dem hiesigen Gymnasium geleisteten Dienste Dank und Anerkennung aus. Seine Majestät der Kaiser und König geruhten ihm mittels Allerhöchsten Erlasses vom 16. September anläſslich seines bevorstehenden Ausscheidens aus dem Amte den Roten Adler-Orden vierter Klasse zu verleihen. Wir freuen uns, dals der verehrte Mann, der dem Direktor und den Lehrern der Anstalt stets ein treuer und liebenswürdiger Kollege gewesen ist, in der seinen Neigungen entsprechenden litterarischen Beschäftigung, der er sich jetzt widmet, volle innere Zufriedenheit gefunden hat.— Nachdem die Pensionierung erfolgt war, rückten die auf Ammann folgenden Oberlehrer Dr. Adam, Bücheler und Dr. Spiefs um je eine Gehaltsstufe auf, und der erste ordentliche Lehrer und Titular-Oberlehrer Dr. Lohr wurde in eine etatsmälsige Oberlehrerstelle befördert. Da nun auch die ordentlichen Lehrer Pritze, Schlaadt, Dr. Thomae, Spamer, Klau, Seipp, Dr. Heil und Wende vorrückten, so gelangte die letzte ordentliche Stelle abermals zur Erledigung. Das Königliche Provinzial-Schulkollegium verlieh dieselbe dem Hilfslehrer Dr. Müller, über dessen Leben im Nachstehenden berichtet wird.
Ludwig Müller, geboren am 6. Juli 1860 zu Kassel, besuchte das Gymnasium seiner Vaterstadt und studierte von Herbst 1879 bis 1883 an den Universitäten Genf, Leipzig und Marburg neuere Sprachen und Geschichte. Nach einem mehrmonatlichen Aufenthalte zu Paris promovierte er im Januar 1884 zu Marburg und bestand daselbst am 18. Januar 1885 das Examen pro facultate docendi. Nachdem er hierauf seiner Militärpflicht genügt hatte, leistete er von Ostern 1886— 1887 an dem Wilhelms-Gymnasium zu Kassel das Probejahr ab. An letzterer Anstalt noch bis Herbst 1887 beschäftigt, wurde er von diesem Zeitpunkte ab bis Ostern 1889 mit der kommissarischen Versehung einer Lehrer- stelle am Realprogymnasium zu Biebrich a. Rh. beauftragt. Er wurde hierauf als Hilfslehrer an das Königl. Gymnasium zu Wiesbaden versetzt und am 1. Oktober 1890 zum ordentlichen Lehrer der Anstalt ernannt.
15) Die Erinnerungsfeier an den Geburtstag weiland Seiner Majestät des Kaisers und Königs Friedrich III. wurde am 18. Oktober in der Aula begangen. Die Gedächtnisrede hielt der Oberlehrer Dr. Spiefs. Am 25. Oktober fand eine von Seiner Majestät dem Kaiser und Könige für alle preuſsischen Unterrichtsanstalten angeordnete Schulfeier zu Ehren des sein neunzigstes Lebensjahr vollendenden General- Feldmarschalls Graf v. Moltke statt, bei welcher der Oberlehrer Dr. Lohr in längerem Vortrage den Schülern ein Bild von dem Leben und Wirken des gefeierten Feldherrn entwarf.
16) Wie in den vorhergehenden Jahren, so wurde auch im verflossenen Schuljahre der ordentliche Lehrer Seipp zu einer militärischen Übung als Reserve-Offizier einberufen, welche sich vom 20. Oktober bis zum 20. November erstreckte. Die Vertretung übernahmen die Herren Dr. Kadesch, Hilfslehrer an der hiesigen städtischen Realschule, und Dr. Karl Thomae, welcher letztere bereits mit der Ver- tretung der Seminarlehrer Bücheler und Klau beauftragt(s. oben) und auch im Realgymnasium be- schäftigt war.
17) Am 1. Dezember fiel wegen der allgemeinen Volkszählung zufolge höherer Weisung der Unterricht aus.
18) Auf eine vom Herrn Unterrichtsminister an ihn gerichtete Einladung nahm der Bericht- erstatter an den Sitzungen der Schulkonferen? teil, welche in Berlin vom 4. bis 17. Dezember abgehalten wurde. Während dieser Zeit führte Professor Otto die Direktorialgeschäfte; die Unterrichts- stunden des Direktors erteilten Professor Dr. M üller und die Oberlehrer Dr. Adam und Dr. Lohr.


