Aufsatz 
Die Erdbeben des vorderen Kleinasien in geschichtlicher Zeit
Entstehung
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Vorgängen ihren Ursprung haben, sind ihrer Lage nach mit den Reliefformen des Gebietes zu vergleichen. um eventuelle Beziehungen der Erdbeben zu den Gebirgen zu finden. Der Nachweis des Zusammenhanges der Beben mit der noch dauernden Gebirgsbildung wird dann ermöglicht, wenn man aufser den Begleit- erscheinungen der Erdbeben die geologischen und örtlichen Eigenthümlichkeiten berücksichtigt.

Ebenso interessant wie die eben angeführte Untersuchung ist für den Geographen die Betrachtung derjenigen Wirkungen, welche die Erdbeben als sekundäre Kräfte auf anorganische Naturobjekte, menschliche Werke und den Menschen selbst ausüben. In ihrer sekundären Thätigkeit lösen die Erdstöſse reife und halbreife Spannungen der Erdrinde aus, bringen unterhöhlte Schichten zu Fall und sind so selbst wieder Erzeuger ihresgleichen. Die denudierende Wirkung der Erdbeben ist vielleicht bis auf den heutigen Tag zu gering veranschlagt worden. An den Küsten angeschwemmter Alluvialboden wird durch die sekundäre Kräftewirkung zu festeren Massen zusammengefügt oder in die Tiefe versenkt. Bergrutsche werden durch sie in Bewegung gesetzt, Felsen losgerissen und nach unten befördert. Die sekundäre Kraft der Erdstöſse erzeugt auf dem Meere Seebeben. In anthropogeographischer Hinsicht ist der Einfluſs der Erdbeben auf den Zustand und die Willensäufserungen der Menschen von nicht geringer Tragweite. Die Verteilung der Wohnsitze, die Bevölkerungsdichte, die Auswanderung, die Sterblichkeit, der Wohlstand, die Höhe der Kultur, die Denkart, Sitten und Gewohnheiten, religiöse Anschauungen und Gebräuche der Bewohner werden alle mehr oder weniger durch das Auftreten häufiger Erdbeben beeinfluſst.

Nach den vorher in kurzen Zügen gekennzeichneten Gesichtspunkten sollen jetzt die Erdbeben des vorderen Kleinasiens behandelt werden.

I. Die Grenzen des Gebietes.

Die Nord- und Süd-Grenze des Gebietes sind scharf durch das Meer gegeben. Die Ostgrenze verläuft längs der Linie der gröfsten Einschnürung der Halbinsel. Im Thale des Ak Su steigt sie zum Hochland auf, folgt der Wasserscheide zwischen dem Ak Su und dem ägäischen Meere zum Ostabhang des Murad Dagh, wendet sich wenig nach Osten und vereinigt sich mit dem Sakaria an dem Punkte, wo der- selbe aus dem Längsthal in sein Durchbruchsthal übergeht. Ihm bleibt sie bis zum Meere treu. Im Westen sind für den Verlauf der Grenze die Meerestiefen und im Nordwesten die orographischen und geologischen Verhältnisse malsgebend. Die Grenze ist hier gekennzeichnet durch das unterseeische Thal, welches die östlichen Sporaden von den Cykladen trennt. Sie schliefst Karpathos aus und verläuft in nordnordwestlicher Richtung bis zur Breite von Lemnos, welches ihr zur Rechten liegt. Hier schwenkt sie

dieser Allgemeinheit ist die Theorie unhaltbar. Schwer wiegende Gründe, deren Erörterung hier zu weit führen würde, sprechen dagegen. Dem Mond kann nur ein erdbebenbegünstigender Einflufs zuerkannt werden.

Eduard Suefs hat im Jahre 1874 mit seiner bahnbrechenden Abhandlung*) überDie Erdbeben Nieder- österreichs den Nachweis geliefert, dafs die Erdbeben mit der noch dauernden Gebirgsbildung im Zusammenhang stehen. Xhnliche Untersuchungen anderer Forscher haben dieselben Resultate ergeben. Die bei weitem gröſste Zahl der Erderschütterungen ist danach denjenigen Kräften zuzuschreiben, welche im Inneren der Erdkruste an der Verschiebung der Erdschollen arbeiten. Sie stehen also mit dem Bau der Gebirge in Beziehung und heifsen deshalb tektonische Beben. Vereinzelte Thatsachen beweisen, dafs Erdbeben, welche mehr lokaler Natur sind, ihre Ent- stehung dem Zusammenbruch von Schichten verdanken. Namentlich im Kalkgebirge führt das Wasser Massen unter der Erdoberfläche weg. Dadurch bilden sich zuweilen unterirdische Höhlen, deren Decken unter günstigen Ver- hältnissen zusammenbrechen. In vulkanischen Gegenden entstehen oftmals durch Explosion von Gasen Erschütte- rungen, welche ebenfalls nur eine geringe Verbreitung haben. Neumayr unterscheidet danach in seiner Erdgeschichte: 1) tektonische, 2) Auswaschungs- und 3) Explosionsbeben.

*) Denkschr. d. Wien. Akad., math.-natw. Kl., XXXIII, 61 ff.