Aufsatz 
Über Sophokles Aias / von Weismann
Entstehung
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Ueber Sophokles Aias.

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Es ist allgemein anerkannt, dass die an den meisten Gymnasien bestehende Einrichtung, wonach den jährlich erscheinenden Programmen eine Abhandlung beigegeben wird, neben Förderung der wissen- schaftlichen Thätigkeit unter den Lehrern und der Wissenschaft selbst auch noch den Nutzen zu erreichen bestimmt ist, dass dadurch eine nähere Bekanntschaft mit der Wirksamkeit jedes Gymnasiums nicht nur bei den Berufsgenossen, sondern auch bei dem Publicum vermittelt werde. Schon aus dem letzteren Ge- sichtspunkt wird es sich hoffentlich rechtfertigen, wenn ich auf nachstehenden Blättern die Erörterung und Zergliederung eines Sophokleischen Dramas, wie ich dieselbe im Wesentlichen theils während theils nach der Lectüre, mehr mit als vor den Primanern anzustellen pflege, in zusammenhängender Darstellung mit- theile. Doch gedenko ich dabei auch den wissenschaftlichen Anforderungen, die an ein Programm gestellt werden können, zu genügen, indem ich, hauptsächlich in den Noten, deren Inhalt zum grössten Theil nur in seinen Resultaten für die Schule geeignet erscheinen wird, meine Auffassung des Ganzen und Einzelnen gegenüber den abweichenden Ansichten Anderer zu begründen suche. Zwar ist der Sophokleische Aias schon vielfach und zum Theil von Gelehrten ersten Ranges so gründlich besprochen worden, dass man von einer Wiederaufnahme desselben Themas als einem vergeblichen Versuche sich fast zurückgeschreckt fühlen möchte. Doch liegt es in der Natur jedes grossartigen Kunstwerks, dass es immer aufs neue die prüfende Erwägung des Bewunderers herausfordert und selbst nach grossen Vorgängern auch der schwächeren Kraft immer neue Gesichtspunkte für dieselbe darbietet. So möge denn auch mein Versuch eine wohl- wollende Aufnahme finden.

Nach dem Tode des Achilleus nahmen Odysseus und der Telamonier Aias, welche beide vorzugsweise thätig gewesen waren um seinen Leichnam den Händen der Feinde zu entreissen, jeder für sich die gött- lichen Waffen des gefallenen Helden in Anspruch¹). Das von den Atriden eingesetzte und von ihnen goleitete Fürstengericht erkannte dieselben dem Odysseus zu*²). Diese Zurücksetzung, welche Angesichts der beiden Heere dem Sohne des Telamon den wohlerworbenen Ruhm, der Erste zu sein nach dem herrlichen Peliden, abzusprechen und ihn dem schwächeren Manne nachzuordnen schien, erregte in dem- selben die heftigste Erbitterung, besonders gegen seinen glücklicheren Nebenbuhler, der es wohl besser als Aias verstanden hatte seine Ansprüche den Richtern im günstigsten Lichte darzustellen ³), noch mehr aber gegen die Atriden, die zwar an dem Richterspruch nicht Theil genommen, aber, wie Aias und die Seinigen nicht ohne Grund argwöhnten, hinterlistig auf denselben eingewirkt hatten, indem sie Stimmen für Odysseus warben. Aias that nun wohl dasselbe, was Homer(II. I, 488 sqq.) von dem grollenden Achilleus erzählt: πας uνυ v ννμνμ dτηνάνυꝓοσοασινꝗ ouce nor' elg dr*σ⁴οσv&μ υνεοωνεεο

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