Aufsatz 
Das Christentum und die neuere Sprachwissenschaft
Entstehung
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Nehmen wir z. B. die Wiſſenſchaft des Denkens, die Logik; wir ſind in unſerm Denken gewiſſe Geſetze zu befolgen genöthigt, wenn wir anders vernünftig und gemeingültig denken wollen. Worin liegt nun aber dieſe Nothwendigkeit, daß wir ſo denken müſſen und nicht anders denken können? Wie wollen wir dieſe Thatſache erklären? Wir ſelbſt ſind erwieſenermaßen nicht der Grund derſelben; demnach muß dieſer Grund außer uns liegen. Und hier bleibt nur die Wahl, entweder in dieſem Grunde ein blindes, taubſtummes Fatum, einen allgemeinen Welt⸗ geiſt, der nicht weiß, woher er kommt, und wohin er geht, zu erkennen, oder aber einen ab⸗ ſoluten vernünftigen, geiſtigen, perſönlichen Urheber, einen intelligenten, göttlichen Geſetzgeber. Kann aber die geſunde Vernunft ſelbſt nicht zugeben, daß ein unperſönlicher, unvernünftiger Grund(eine bloße Subſtanz oder eine Idee) Urheber einer vernünftigen Geſetzmäßigkeit wer⸗ den, daß die Unvernunft Grund der Vernunft ſein kann, ſo bleibt nur das zweite übrig. Unſere Vernunft in Uebereinſtimmung mit der Vernunft der größten Geiſter aller Zeiten und Völker und dem geſunden Menſchenverſtand ¹) zwingt uns zur Annahme eines lebendigen perſönlichen Gottes, der nach ewigen Ideen das ſeinem Weſen nach endliche Weltall im weiteſten Sinne des Wortes als ein von ihm weſenverſchiedenes, von ihm bedingtes, wirkliches anderes Sein geſchaffen hat 2).Die allgemeine Vernunft(die Geſetze des Denkens und Seins), ſagt J. H. Fichte ³),iſt an ſich ebenſo allgemein gültig für jedes Bewußtſein, als ſie eben dadurch die wirkliche Erkenntniß gemeingültig macht. Nur darum vermögen wir überhaupt von einem Wahren zu ſprechen, im Beſonderen von wiſſenſchaftlicher Evidenz und Ueberzeugung; nur durch die Vernunft in uns wird der logiſche Zwang des Denkens hervorgebracht, welcher die Wahrheit zu einer mittheilbaren macht, vor der die Willkür des individuellen Bewußtſeins ſich beugen muß. So erhebt die Vernunft den erkennenden Geiſt über die Unmittelbarkeit des Sinn⸗ lichen und des Individuellen in die Region ewiger und unveränderlicher Gedanken.

Wie die Wiſſenſchafts⸗ und Erkenntnißlehre, ſo findet auch die Natur und die Natur⸗ wiſſenſchaft, im Lichte der Metaphyſik oder Gotteserkenntniß betrachtet, feſten Halt und Ver⸗ ſtändniß. Auf Grundlage der durch die Erfahrung gewonnenen exakten Erkenntniſſe erkennt die (chriſtliche) Naturphiloſophie die objektive Vernunft und die allgemeine Zweckmäßigkeit, die wir in der Natur antreffen, als das Werk eines perſönlichen, abſoluten Weſens und weiſt nach, welche Ideen und göttliche Gedanken ſich in der Natur und ihren Gebilden realiſieren, welche Bedeutung demgemäß die Natur und Alles in ihr für das höhere geiſtige Daſein und

¹)Der das Ohr gemacht, ſollte er nicht hören? der das Auge gemacht, ſollte er nicht ſehen? ſagt der Pſalmiſt, Pſ. 93. V. 9.

²) S. Katzenberger, Grundfragen der Logik, S. 90. ³) Pſychologie. S. 134.