Aufsatz 
Das Christentum und die neuere Sprachwissenschaft
Entstehung
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biete des Wiſſens im Vordergrund ſteht.Während der Menſch ſelbſt nur einen verſchwinden⸗ den Punkt einnimmt auf der Erde, hat er den Erdball gewogen, ſeine Höhe, Breite und Tiefe gemeſſen; die Aſtronomie hat die Sterne geordnet, die in den unermeßlichen Räumen ſchwimmen, ihre Bahnen bezeichnet und den Mechanismus des Himmels ihrem Kalkül unterworfen. Die Geologie iſt herabgeſtiegen in den Schoß der Erde und hat die Geheimniſſe ihrer Entſtehung und Bildung belauſcht. Die Phyſik hat die Geſetze beſtimmt, nach denen alle Bewegung und Veränderung in der Körperwelt ſtattfindet, und die Chemie hat die Grundſtoffe dargelegt, aus deren Verbindung und Trennung alle Körper entſtehen und vergehen; ſie ſtellt mit mathemati⸗ ſcher Sicherheit und Schärfe ihre Beſtandtheile feſt und ſchafft einen Mikrokosmus im Labora⸗ torium der Kunſt. Beide ſind tief eingedrungen in die geheimnißvolle Werkſtätte der Natur, wo ſtill und ungeſehen, aber unaufhaltſam und gewaltig die Elementarkräfte ſchaffen und weben, zerſtören und bauen; die Phyſiologie enthält den Bildungsprozeß der Organismen und weiſt die Kontinuität ihrer Grundtypen von der niederſten Stufe bis zur höchſten und letzten, dem Men⸗ ſchenleibe, nach u. ſ. w. ¹) Nicht Geringeres hat die Erfahrungswiſſenſchaft geleiſtet in Be⸗ treff des Menſchen ſelbſt; vermöge der Geſchichts⸗ und Sprachwiſſenſchaft wiſſen wir, wie die Völker vor vielen Jahrtauſenden gelebt, was ſie gedacht und gethan; die Pſychologie lehrt uns den Organismus des menſchlichen Geiſtes, die Logik die Geſetze des Denkens kennen u. ſ. w.

Aber ſo bedeutend dieſe Kenntniſſe ſind, der Menſch kann unmöglich bei der Erfahrungs⸗ wiſſenſchaft ſtehen bleiben; das Bewußtſein der Endlichkeit, Abhängigkeit und Bedingtheit der geſammten Erſcheinungswelt nöthigen ihn nach dem ihm angebornen Kauſalitätsgeſetz, ein Un⸗ endliches, Unabhängiges, Unbedingtes oder, wie es die Philoſophie ausdrückt, ein Abſolutes anzunehmen und hierauf Alles, was uns in Raum und Zeit, den beiden Grundformen der Er⸗ ſcheinungswelt, entgegentritt, zurückzuführen. Erſt wenn der Geiſt in ſeinem Wiſſen bis zu dieſer letzten Urſache vorgedrungen, findet er Ruhe und Befriedigung.

Hiermit in Uebereinſtimmung ſehen wir, von dem Beginne der Philoſophie, von Plato und Ariſtoteles bis auf Leibnitz und Kant und ſelbſt unſere neueſten Philoſophen von Bedeutung herab, die edelſten und tiefſinnigſten Geiſter damit beſchäftigt, das Weſen, die letzten Gründe und das Ziel aller Dinge, ihre Beziehung untereinander und zu Gott zu erkennen 2). Hören wir, wie ſichder Meiſter der Wiſſenden), der nüchternſte und gelehrteſte aller Philoſophen

¹) Hettinger, Apologie des Chriſtenthums, I. S. 56.

¹)Es bleibt immer der Trieb alles menſchlichen Erkennens darauf gerichtet, das Wunder der gött⸗ lichen Schöpfung durch ein nachſchaffendes Denken zu löſen. Trendelenburg, log. Unterſuchungen I. S. 2.

³)Il maestro di color che sanno. Dante.