Aufsatz 
Das Christentum und die neuere Sprachwissenschaft
Entstehung
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zuſammen ſtellt, um auf dieſe Weiſe Ordnung in ſeine Erkenntniſſe zu bringen. So hat der Menſch ſchon früh angefangen, die organiſchen Naturkörper, Pflanzen und Thiere, nach ihrer Verwandtſchaft und Aehnlichkeit zuſammenzuſtellen und einzutheilen, um auf dieſe Weiſe eine ge⸗ wiſſe Ueberſicht über dieſelben zu erlangen. Die Geſchichte dieſer Vergleichungen und Klaſſifikationen iſt inſofern ſehr lehrreich, als ſie uns einen ſichern Maßſtab gibt für die Tiefe und den Um⸗ fang der jedesmaligen Erkenntniß. ¹) Ganz denſelben Vorgang aber, wie auf dem Gebiete der Naturkörper, können wir vom XVI. Jahrhunderte an bis auf die Gegenwart herab auf dem Gebiete der Sprachen, dieſer Naturerzeugniſſe des menſchlichen Geiſtes, verfolgen. So lange freilich die Kenntniß der Sprachen auf Latein, Griechiſch, Hebräiſch und einige ſemitiſche Mund⸗ arten beſchränkt war, konnte von einer Vergleichung und Klaſſifikation derſelben kaum die Rede ſein; die Eintheilung in heilige und profane, in klaſſiſche und orientaliſche, in todte und lebende Sprachen genügte. Als aber im XVI. Jahrhunderte in Folge der Ausbreitung des Chri⸗ ſtenthums über die ganze bewohnte Erde die Zahl der bekannten Sprachen immer mehr zunahm, da war es natürlich, daß man an eine Vergleichung und Klaſſifikation derſelben dachte, um den reichen Vorrath zu ordnen und zu überſchauen. Dieſes Streben erhielt noch einen bedeutenden Vorſchub durch den Glauben der chriſtlichen Kirche an die Abſtammung des Menſchengeſchlechtes von einem Paare und an eine gemeinſame Urſprache. So nehmen denn wirklich von dem XVI. Jahrhundert an die Verſuche, die Abſtammung ſämmtlicher Sprachen von einer Urſprache, und ihre größere oder geringere Verwandtſchaft untereinander nachzuweiſen, in ſteigendem Maße zu 9). Auch hierbei ſehen wir die Männer der Kirche im Vordergrunde, und zwar wird zur Vergleichung der verſchiedenen Sprachen dasVater unſer gebraucht. ³) Natürlich mußten die Ergebniſſe bei der oberflächlichen Kenntniß der meiſten Sprachen und bei dem Vorurtheile, als ob das Hebräiſche die Urſprache ſei, von der alle anderen abſtammten, lange Zeit unbedeutend und mangelhaft ſein. Der erſte, welcher den Bann, der den Fortſchritt dieſer Beſtrebungen und die richtige Erkennt⸗ niß ſo lange hemmte, brach, war der berühmte chriſtliche Gelehrte, Leibnitz(1646 1716)).

¹) Vgl. z. B. die Geſchichte der Pflanzenklaſſifikation von Andrea Cesalpini(1519 1603) bis auf Linné, Juſſieu und de Candolle herab, welche in dieſer Beziehung äußerſt lehrreich iſt, inNaturgeſchichte der 3 Reiche von Biſchoff, Blum, Bronn u. ſ. w. Botanik, 3. Th.

²) Vgl. M. Müller und Benfey a. a. O.

³) Die Vaterunſer⸗Sammlungen, als Sprachproben der verſchiedenen Sprachen, welche im Jahre 1427 mit der Zuſammenſtellung von 2 Vaterunſern in armeniſcher und türkiſcher Sprache, durch Schildberger be⸗ gonnen wurden, nahmen von da an von Jahr zu Jahr zu. S. Adelung Mithridates I. S. 646, die Geſchichte der Vaterunſerſammlungen von 1427 1805.

*) Erſt die neueſte Zeit fängt an, dieſem großen Gelehrten und wahren Univerſalgenie mehr und mehr gerecht zu werden.

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