Das Chriſtenthum und die neuere Sprachwiſſenſchaft.
Nichts iſt mehr geeignet, uns die Univerſalität und den tief greifenden Einfluß des Chri⸗ ſtenthums auf alle Verhältniſſe des Lebens zum klaren Bewußtſein zu bringen, als die Thatſache, daß uns, wohin wir immer auf dem weiten Gebiete der Kunſt, der Wiſſenſchaft und des Lebens den Blick werfen, das Chriſtenthum als grundlegend und Bahn brechend, als neuſchöpferiſch ent⸗ gegentritt. Es iſt hier nicht der Ort, näher hierauf einzugehen, ſonſt würde es nicht ſchwer halten, überzeugend darzuthun, wie die Ideen des Wahren, Guten und Schönen, auf welchen die Kunſt, die Wiſſenſchaft und das ſittliche Leben beruht, durch das Chriſtenthum einen reiche⸗ ren Inhalt gewannen, tiefer begründet und geläutert wurden, und wie im Lichte der reineren Gotteserkenntniß, welche das Chriſtenthum den Menſchen offenbarte, Natur und Menſchenleben ein verklärteres Anſehen erhielten, und damit der Kunſt, der Wiſſenſchaft und dem Leben neue und höhere Ziele des Strebens eröffnet wurden.
Unter den Wiſſenſchaften, die, wenn auch erſt allmählich und im Laufe der Jahrhunderte, den Einfluß des Chriſtenthums in hohem Grade erfuhren, ſteht in erſter Linie die Sprachwiſſen⸗ ſchaft, welche in ihrer jetzigen erweiterten Geſtalt und größeren Vertiefung dem Chriſtenthum zum größten Danke verpflichtet iſt. Allerdings ſehen wir ſchon ſehr früh die gebildeten Völker des Alterthums, insbeſondere die Inder und Griechen, und zwar in ſehr verſchiedener Weiſe, mit dem Problem der Sprache ſich beſchäftigen. Während nämlich die Erſteren den naturwiſ⸗ ſenſchaftlichen Weg der Beobachtung des Gegebenen einſchlugen und auf dieſe Weiſe in der Er⸗ forſchung des Wortes und ſeiner Elemente Außerordentliches, von keinem andern Volke Ueber⸗ troffenes leiſteten ¹), ſuchten die feinſinnigen und wißbegierigen Griechen ihrem forſchenden, tief⸗ eindringenden Geiſte gemäß die philoſophiſchen Fragen, welche die Betrachtung der Sprache ver⸗ anlaßte, mit gewohntem Scharfſinn zu löſen. Der Urſprung der Sprache, das Verhältniß der
¹)„In Bezug auf Sprachwiſſenſchaft ſind es die Inder, welche ſchon im graueſten Alterthum ſie nicht etwa anbahnten, ſondern eine Hauptſeite derſelben— die wiſſenſchaftliche Behandlung einer Einzel⸗ ſprache— bis zu einer Vollendung führten, die das Staunen und die Bewunderung aller derer erregt, die genauer damit bekannt ſind, die ſelbſt jetzt noch nicht allein unübertroffen daſteht, die in vielen Beziehungen als Muſter für ähnliche Thätigkeiten betrachtet werden darf, die durch ihre Methode und Reſultate vorzugs⸗ weiſe, ja faſt allein es möglich machte, daß die moderne Sprachwiſſenſchaft ihre Aufgabe aufzunehmen und mit ſolchem Erfolge ihrem Ziele entgegen zu führen vermochte.“ Benfey, Geſchichte der Sprachwiſſenſchaft, S. 36.
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