Aufsatz 
Das Christenthum und die Sprache / Hermann Wedewer
Entstehung
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Das Chriſtenthum und die Sprache.

E⸗ iſt einer der fruchtbarſten Gedanken der neueren Sprachwiſſenſchaft, daß die Sprache nicht auf einen Schlag und mit einem Male, wie Minerva aus dem Haupte Iupiters, fertig ins Daſein getreten, ſondern daß ſie, wie die Naturorganismen, mit denen ſie ſich in vielfacher Beziehung vergleichen läßt, lautlich und inhaltlich nach beſtimmten Geſetzen ſich entwickelt habe.*²) Mit dieſem Gedanken, welchem die hiſtoriſche Erforſchung und damit die Vergleichung und genealogiſche Klaſſifikation der Sprachen entſproſſen, wurde der Schleier, welcher Jahrhunderte über Ur⸗ ſprung und Weſen der Sprache gelegen, allmählich gelüftet und eine tiefere Erkenntniß derſelben vorbereitet. Hatte man nämlich bisher in der irrigen Vorſtellung einer von jeher fertigen Sprache rathlod und voll Staunen vor dem Wunderbau geſtanden, ohne zu wiſſen, wie derſelbe zu erklären, ſo war durch die Entdeckung des allmählichen Werdens der Sprache und durch die Erforſchung der Geſchichte mehrer Sprachen Jahrtauſende rückwärts das Räthſel zum großen Theile gelöſt. Denn obwohl wir die Ent⸗ wicklung der Sprache nicht über die geſchichtliche Zeit hinaus ver⸗ folgen können, und obwohl die eigentliche Bildung der Sprache in die Zeit vor aller Geſchichte fällt; ſo vermögen wir doch aus den ) Damit ſoll jedoch nicht geſagt ſein, daß der Menſch nicht vom erſten Augenblick ſeines Daſeins wirkliche Sprache beſeſſen habe. Die Sprache gehört nach unſerer Ueberzeugung wie die Vernunft, deren Korrelat ſie iſt, zur weſentlichen Natur des Menſchen, und der Menſch iſt nur Menſch durch Sprache. Er hat daher vom Anfang ſeines Daſeins Sprache beſeſſen, aber eine Sprache, die ſehr einfach und von der ſpäteren nach Inhalt und Form

äußerſt verſchieden war. 1*