28
Schweſtern in Folge zweier unterſcheidender Eigenſchaften, welche ſie beſitzt und die mit des deutſchen Volkes innerſter Natur eng zuſammen⸗ hängen. Zuvörderſt theilt die deutſche Sprache, obwohl eine Stamm⸗ ſprache, dennoch mit den übrigen neueren Sprachen die Neigung zur Auflöſung der Formen und bedient ſich ſtatt der mit den Wortſtämmen zur Einheit verſchmolzenen Flexionsendungen beſonderer Formwörter. So braucht ſie im Gegenſatz zu den beiden klaſſiſchen Sprachen ſtatt der Kaſusendungen viel häufiger die Präpoſitionen, ſtatt der die Genera, Modi, Tempora, Numeri und Perſonen ausdrückenden En⸗ dungen des griechiſchen und lateiniſchen Verbums die Hülfsverba 1) und perſönlichen Pronomina. Auch die beiden Artikel gehören hieher, inſofern die deutſche Sprache ſie wenigſtens vor der lateiniſchen voraus hat. Wird dadurch der Wohllaut der deutſchen Sprache, wie nicht zu leugnen, bedeutend geſtört, indem etwas Schleppendes hereinkommt, — wir erinnern unter andern an die unangenehm auslautenden Hülfs⸗ zeitwörter haben, ſein und werden—; ſo wird andererſeits die Deutlichkeit und Beſtimmtheit ſehr dadurch gefördert. Welche Schwierig⸗ keit und Unbeſtimmtheit liegt nicht oft in den casibus obliquis der alten Sprachen, während die deutſchen Präpoſitionen die Sache mit einem Male klar machen. Auch der beſtimmte und unbeſtimmte Ar⸗ tikel tragen viel zur Beſtimmtheit und Genauigkeit des Gedanken⸗ ausdrucks bei ²).
Noch wichtiger aber iſt der zweite Vortheil, welchen die deutſche Sprache vor den beiden alten und ſämmtlichen neueren Sprachen voraus hat, die eigenthümliche, tief mit dem Geiſte und Charakter des Volkes, dem Sinne für Wahrheit und Uebereinſtimmung des Innern und Aeußern zuſammenhängende Betonung. Die Betonung,
¹1) Wie haben, ſein, werden, mögen, können, dürfen. Vermittelſt dieſer Hülfs⸗ zeitwörter iſt die deutſche Sprache im Stande die verſchiedenen modalen Verhältniſſe der Möglichkeit und Nothwendigkeit genauer als die meiſten andern Sprachen auszudrücken.
²) Dies gilt ganz beſonders vom Griechiſchen, aber auch in vielen Fällen vom Deutſchen. O-noo*τ 6& ou; heißt: Biſt du der Prophet? nämlich jener vorzügliche, erwartete Prophet. So iſt, wie Ariſtoteles lehrt, ıν„mννν ivai dpẽ und r’r Sdove irx τ mαdοσν nicht daſſelbe, da erſteres ein Gut, letzteres das Gut, das höchſte Gut heißt.


