Erſter Teil. Schulnachrichten.
1. Jahresgeſchichte. Durch Allerhöchſte Entſchließung Seiner Königlichen Hoheit des Großherzogs vom 17. April 1889 wurde Direktor Dr. Otto Schneider, der zehn Jahre lang die Realſchule mit unermüdlicher Fürſorge geleitet, zum Direktor der Realſchule zu Oppenheim a. Rh. ernannt. Mittelſt Allerhöchſter Entſchließung vom gleichen Tag geruhten Seine Königliche Hoheit Allergnädigſt den Lehrer am Ludwigs⸗Georgs⸗Gymnaſium zu Darmſtadt Dr. Theodor Walter zum Direktor der Realſchule zu Bingen zu ernennen. Die Einführung fand durch den Vertreter der Staatsbehörde Oberſchulrat Soldan am 6. Mai 1889 ſtatt. Die Realſchule wird ihrem lang⸗ jährigen und verdienten Direktor Dr. Otto Schneider ſtets ein treues und dankbares Andenken bewahren.
Der katholiſche Religionslehrer Wilhelm Engelhardt wurde zu Beginn des Schuljahres zum Rektor in Dieburg ernannt. In ihm verlor die Realſchule einen tüchtigen Lehrer und liebenswür⸗ digen Kollegen. An ſeine Stelle trat der katholiſche Religionslehrer Dr. Johannes Praxmarer.
Der israelitiſche Religionslehrer Großherzoglicher Kreisrabbiner Lebrecht trat nach beinahe 50 jähriger Wirkſamkeit zu Beginn des Schuljahres in den Ruheſtand und ſiedelte nach Nürnberg über. Seine Stelle ward dem Rabbiner Dr. Grünfeld übertragen.
Der Unterricht erlitt in dieſem Jahr mannigfache Störungen, indem ein Kollege längere Zeit krank, zwei andere auf acht Wochen eingezogen waren. In Vertretung des als Reſerveoffizier nach Frankfurt eingezogenen Dr. Langstroff erteilte der Acceſſiſt Dr. Georg Büchner aus Darmſtadt den franzöſiſchen und engliſchen Unterricht in den Oberklaſſen.
Ein reiches Geſchenk ward der Anſtalt zu Teil! Durch den Vertreter des Feſtausſchuſſes zur Feier des 50 jährigen Realſchuljubiläums, Herrn Heinrich Sander, wurde dem Director am 28. Januar 1890 der Überſchuß aus den geſammelten Feſtbeiträgen in der Höhe von 723 ℳ 30 ₰. übergeben. Dieſe Summe ſoll nach dem Wunſche der Geber zu Gunſten der Bibliothek und der Sammlungen der Binger Realſchule verwendet werden. Ehre und Dank aber bleibt den hoch⸗ herzigen Gebern!
Aus den Jubiläumsſtiftungen wurden im Lauf des Jahres ausgegeben: 300 ℳ für die zoologiſche Sammlung, 286 ℳ 15 ₰ für eine Luftpumpe, 147 ℳ 40 ₰ für eine chemiſche Wage, 215 ℳ 50 ₰ für 117 gebundene Bände der Kürſchnerſchen Nationalbibliothek, 16 ℳ 10 3₰ für einen Fußball zum Spielen, 101 ℳ 25 ₰ für 6 neue Schulwandkarten.
An Kaiſers Geburtstag wurde der Realſchule durch den Großherzoglichen Reallehrer Haller ein großes Bild Seiner Majeſtät für das Lehrerzimmer geſchenkt. Die Anſtalt bleibt dem Geber für das ſchöne Geſchenk zu beſtem Danke verpflichtet.
2. Der Unterricht in der Vorſchule. Achte Klaſſe. Zweijährig. Wort⸗ und Satzleſen. Abſchreiben und Übungen im Rechtſchreiben. Geläufiges Leſen der deutſchen und latei⸗ niſchen Druckſchrift. Heftſchreiben der deutſchen Kurrentſchrift. Dingwort, Zeitwort, Eigenſchaftswort. Anſchauungsunterricht nach den Gruppenbildern von Winckelmann und Leutemann. Gedichtvortrag. Rechnen in den Zahlenräumen von 1 bis 20 und von 1 bis 100. Siebente Klaſſe. Zwei⸗ jährig. Leſen im dritten und vierten Teil des heſſiſchen Leſebuchs. Gedichtvortrag. Dingwort, Zeitwort, Eigenſchaftswort, perſönliches Fürwort. Deklination, Konjugation, Steigerung. Der ein⸗ fache Satz und ſeine Erweiterung durch Attribut und Objekt. Übungen im Rechtſchreiben und Aufſatz. Beſchreibung von Tieren und Pflanzen im Sommer, Heimatkunde im Winter. Rechnen mit unbe⸗ nannten und benannten ganzen Zahlen im Zahlenkreis von hundert bis million. Münzen, Maße, Ge⸗ wichte. Reſolvieren, reduzieren.
3. Der Unterricht in der Realſchule wird erteilt nach dem Lehrplan für die Real⸗ ſchulen des Großherzogthums Heſſen, amtliche Handausgabe, Darmſtadt 1885, Buchhandlung Groß⸗ herzoglichen Staatsverlags. Deutſcher Leſeſtoff. In II Paldamus 5. Tell, Götz. In I Pal⸗ damus 5. Tell, Hermann und Dorothea, Minna von Barnhelm, Wallenſtein, Maria Stuart, Egmont, Taſſo. Franzöſiſch. In VI Ricken, Elementarbuch, erſtes Jahr Kap. 1 bis 18. In V Lehmann,


