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noch mit nur geringen Ausnahmen ihre Ueberlegenheit auf dem Felde der Kunſtinduſtrie behaupten können. Ihre Juwelier⸗ und Goldſchmiedekunſt, ihre Bronze⸗, ihr Porcellan, Möbel⸗ und Teppichfabrikation, ihre Seide⸗ wirkerei und Kunſtweberei, zeigen alle eine ebenſo begabte Phantaſie wie tüchtige techniſche Fertigkeit. Und grade dieſe letztere hat auch ihre ideale Kunſt weſentlich gefördert, ein Umſtand, der die Wichtigkeit der engen Beziehungen zwiſchen Kunſt und Induſtrie recht auffällig nachweiſt. Jemehr die Induſtrie durchdrungen wird von der Kunſt, und jemehr der Kunſt die breite und geſunde Baſis der Induſtrie verliehen wird, deſto erſprießlichere Reſultate ſind für beide zu erwarten. Die ideale Kunſt erwirbt ſich dadurch in ſtrenger Schule die techniſche Fertigkeit und tritt in nähere Beziehung zu dem nationalen Leben, welches für ſie eine unver⸗ ſiegbare Quelle der Geiſtesbildung wird. Die Induſtrie aber wird durch eine künſtleriſche Behandlung ihrer Producte die Weihe des Schönen empfangen und ſich eine Stellung erringen, wie ſie das Handwerk in den vielgeprieſenen guten alten Zeiten beſaß, in welchen ſein„goldner Boden“ eine ſprüchwörtliche Bezeichnung für das materielle Wohlergehen des ganzen Standes geworden iſt.„Die Kunſt,“ ſagt Richter,„die rein „menſchliche Kraft, welche ohne den Menſchen zu erzeugen die Maſchine nicht fähig iſt, bekämpft in der In— „duſtrie die mit der Maſſe und Billigkeit des Induſtrieproductes erzeugte Gefahr der Verſchlechterung, indem „ſie die Güte des Productes erzeugt und vereint im weiteren Verlauf mit der Güte— die Schönheit. Sie „tritt ſo veredelnd zum rohen Product der Arbeit hinzu und erſcheint heute in der Induſtrie weſentlich als „Concurrenzf age; durch ihre Aufgabe ſoll die Kunſt in der Induſtrie, jemehr dieſe durch ihre Kraft, der „Maſſe und Bllligkeit, beſtimmt iſt, der großen Menge zu gehorchen und dadurch der Gefahr verfällt, in der „bloßen Maſſenproduction zu entarten und auf den Menſchen ſelbſt verwildernd und entſittlichend zu wirken „durch ihre Aufgabe ſoll die Kunſt in der Induſtrie dieſe Gefahr überwinden.“
Unſerem Volke fehlt es nicht an Begabung für das formale Geſtalten ſeiner Ideen; wir haben dies aus der hohen Stufe, welche die bildenden Künſte bei uns einnehmen, nachzuweiſen verſucht; warum ſollte ihm nun bei ſeinen induſtriellen Unternehmungen dieſe Begabung mangeln? Man blicke nur hinein in das unverdorbene Volksleben, wie da überall die Freude am Schönen, das nur zu wenig gepflegt und in die richtigen Bahnen gelenkt wird, ſich Geltung verſchafft und welchen Genuß gewährt es dem Kinde, wenn ihm die Gebilde ſeiner Phantaſie in bildͤneriſchen oder plaſtiſchen Darſtellungen vorgeführt werden!
Vieles iſt in dieſer Beziehung geſündigt worden; es gab eine Zeit, wo die Freude am Schönen gewalt⸗ ſam niedergehalten wurde, wo ſie für eine ſpielende und verweichlichende Tändelei, unwürdig des deutſchen Ernſtes, erklärt wurde; es gab dann eine Zeit, wo im Kinde ſchon der Formenſinn durch die Carricatur corrumpirt wurde. Beide ſind heute glücklicherweiſe vorüber; der bildneriſche Trieb der Nation iſt wieder erwacht; ihn allen Kreiſen der Geſellſchaft und auf allen Gebieten menſchlicher Thätigkeit zu erſchließen und richtig zu leiten, iſt Aufgabe des Zeichenunterrichts. Manches ſchlummernde Talent kann ſo geweckt und einem Berufe zugeführt werden, der ſeine Befähigung wenn auch nicht als ein hervorragender Künſtler, ſo doch als ein tüchtiger kunſtverſtändiger Induſtrieller zum allgemeinen und zum eignen Wohle nutzbar macht, denn jene Zeiten ſind vorüber, wo man meinte,„ein mittelmäßiger Altarbildermaler ſei etwas Edleres als ein treff⸗ licher Muſterzeichner.“„Wir ſollen,“ ſagt Lübke,„nicht aus jeder bildneriſchen Begabung mit aller Gewalt
„invita Minerva einen Künſtler preſſen wollen, ſondern wir müſſen den jungen Talenten in freierer Weiſe
„eine gediegene techniſche Ausbildung termöglichen, welche ſie, wo das Zeug zu einem Künſtler höheren Ranges „nicht ausreicht, noch immer zu tüchigen Decorateuren, Muſterzeichnern, Modelleuren zc. ſich entwickeln läßt. „Wie viele von den Genoſſen Albrecht Dürers aus der Werkſtatt Wohlgemuths ſind geſchickte Zimmermaler, „Anſtreicher, Holzſchnitzer geworden, während nur der Eine die höchſten Ziele der Kunſt erreichte! Was für „Aufträge zur Bemalung von Wappen und Fahnen ſelbſt zum Anſtreichen von Thüren, Fenſterläden und „Zaunp fählen hat nicht Lucas Kranach übernommen und durch ſeine Geſellen ausführen laſſen, von denen „kein Einziger ein Apelles oder Rafael geworden iſt!“


