Aufsatz 
Zur Frage der Probanden-Ausbildung / August Waldeck
Einzelbild herunterladen

13

phyſikaliſchen Geſetzen bekannt, auf denen das Verfahren beruht. So gehört der Candidat ſofort in die Schule, aber in die ſichere Hand eines praktiſch erfahrenen und zweckmäßig theoretiſch ge⸗ bildeten Meiſters, der ihn zuerſt pädagogiſch ſehen und beobachten lehrt, der bei ſeinen übungen die Leine führt und ihn daneben mit den Grundgeſetzen ſeiner Kunſt theoretiſch bekannt macht. Aber wo und wie ſind die Anſtalten dazu einzurichten? Am nächſten läge der Gedanke an seminaria praeceptorum im großen Stile, wie das in Halle, über das uns der verdienſtvolle Leiter deſſelben ſo intereſſante Berichte gegeben hat und wie ähnlich auch das unter Schiller's Lei⸗ tung in Gießen ſtehende zu ſein ſcheint. Solche Anſtalten ſind ſicher vorzüglich geeignet, wenn Männer nicht blos von hervorragender Tüchtigkeit, ſondern auch von ſo außergewöhnlicher Arbeits⸗ kraft an der Spitze ſtehen. Beide Eigenſchaften aber müſſen vereinigt ſein, um einerſeits alle Fäden ſo umfaſſender und komplizierter Inſtitutesfeſt und ſicher in der Hand zu halten und andererſeits doch jedem einzelnen von ſo vielen Probanden die nötige Aufmerkſamkeit widmen zu können. Wo das aber nicht der Fall iſt und es wird ſelten der Fall ſein, da liegt die Gefahr nahe, daß die praktiſche Anleitung zu viel in die Hände der verſchiedenen Fachlehrer gerät und der ein⸗ heitlichen Methode entbehrt, während die theoretiſche Unterweiſung ſich zu viel von der Praxis loslöſt und rein theoretiſch und wiſſenſchaftlich wird. Überdies würde die Neuſchaffung ſolcher Seminare im großen Stil in einer Zahl, daß das ganze Bedürfnis dadurch befriedigt würde, vor⸗ ausſichtlich auf große praktiſche Schwierigkeiten ſtoßen. Deshalb ſcheint mir, wie die Dinge augen⸗ blicklich liegen, der einfachſte und zweckmäßigſte Weg der zu ſein, die Arbeit zu teilen und in jeder Provinz dem Bedürfnis entſprechend eine Anzahl kleinerer Seminare zu ſchaffen, indem man, einerlei an welchem Orte, überall, wo ſich eine geeignete Perſönlichkeit findet, d. h. alſo ein als tüchtiger Praktiker bewährter Schulmann, Direktor oder Lehrer, der vor allem ein warmes Herz für ſeine Sache und lebhaftes Intereſſe für eine rationelle Geſtaltung der Methode hat, dieſen zum Pro⸗ banden⸗Inſtruktor macht und ihm etwa 4 bis 5, oder wenn die Probezeit, was ſehr zu wünſchen wäre, auf 2 Jahre verlängert würde, auch wohl 6 bis 8 Kandidaten überweiſt, um dieſelben nach einer beſtimmten neu zu entwerfenden Inſtruktion anzuleiten. Wäre es der Direktor ſelbſt, ſo müßte ihm natürlich geſtattet ſein, für ſeine Direktorial⸗Geſchäfte, namentlich die mehr die äußere Ver⸗ waltung betreffenden, ſich aus der Zahl der Lehrer einen geeigneten Gehülfen zu nehmen und die⸗ ſem dafür ein geringeres Maß von Stunden zuzuteilen, um ſelbſt freie Zeit für ſeine Probanden zu gewinnen. Beſſer aber wäre vielleicht ein Lehrer, weil dieſer ſeine ganze, volle Kraft ſeinem neuen Berufe widmen könnte. Dieſer könnte dann in anbetracht des Umſtandes, daß die Kandidaten viele ſeiner Stunden ſelbſtändig geben würden, ſo daß er nur in einem Teile derſelben den Unter⸗ richt ſelbſt erteilte, andere nur ſeine Gegenwart erforderten, ſowie deſſen, daß die Korrekturen eben⸗ falls den Probanden überlaſſen und nur zuweilen revidiert werden müßten, füglich unter eigener voller Verantwortung eine Zahl von 26 bis 36 Stunden übernehmen, die bezüglich der Fächer und Klaſſen natürlich nach dem Bedürfnis der Probanden gewählt ſein müßten; ja bei zweijähriger Probezeit müßte ein ſolcher Inſtruktor bis zu 48 Stunden erhalten, um das nötige Üübungsmaterial zu haben, ſeine Leute im 2ten Jahre auch mehr frei ſchwimmen zu laſſen, ſo daß er ſelbſt nur öfter hoſpitierte und gleichſam revidierte. Ein Schaden für die Klaſſe aus dem Umſtande, daß viel⸗ leicht in demſelben Jahre in demſelben Fache mehrere Kandidaten unterrichteten, wäre deshalb wohl nicht zu beſorgen, weil die ſtrenge Einheit der Methode dadurch gewahrt ſein würde, daß die