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die wie jene nicht in dem Mangel, ſondern in der Ueberfülle des Reichthums wurzelt. Auch an unſerer Anſtalt ſind über dieſen Gegenſtand mehrfache amtliche Verhandlungen gepflogen worden, aus denen hier Folgendes wegen des dadurch erzielten praktiſchen Reſultates mitgetheilt werden ſoll. Es handelt ſich dabei um die erſte lateiniſche Lectüre, ſo weit dieſe nicht zur Einübung der Grammatik, ſondern zur Grundlegung der gelehrten Bildung überhaupt dienen ſoll.
Sehr gern, äußerte einer der Votanten, erkenne ich den Werth der alten Gedikeſchen Leſebücher, die alle nach einer Norm bearbeitet für lateiniſche griechiſche, hebräiſche, franzöſiſche und engliſche Sprache vorhanden ſind, aus denen ich ſelbſt in meiner Jugend großentheils dieſe Sprachen erlernt habe, und von denen das lateiniſche noch kürzlich in einer neuen Auflage wiederholt worden iſt. Dennoch ſcheint mir, daß die Brauchbarkeit deſſelben und vieler andern, welche die neue Zeit geliefert hat, iu hohem Grade gefährdet werde durch die Zuſammenſtellung der einzelnen Leſeſtücke nach einer ſyſtematiſchen Claſſi⸗ fication, die der modernen Styliſtik ihren Urſprung verdankt. Ich weiß nicht, wie man ſich dazu entſchließen möge, 30 Seiten hinter einander Anekdoten, dann wieder eben ſo lange Aeſopiſche Fabeln, Geſchichten u. ſ. w. leſen zu laſſen, nur um ſelbſt das Beſte recht methodiſch einförmig und langweilig zu machen. Und dazu lauter trocknen proſaiſchen Hausmannsverſtand, nirgends eine Spur von Rhythmus, nirgeuds ein Fünkchen von Poeſie, zum Erſatz aber eine lange lateiniſche Naturgeſchichte, welcher zur Vollendung des Syſtems nur noch ein lateiniſches Leſeſtück über den Kartoffelbau fehlen möchte. Man ſagt freilich, der Lehrer brauche ſich nicht an die Ordnung des Buches zu binden, er könne jederzeit auswählen, was und wie es ihm zweckmäßig ſcheine. Ich gebe zu, daß dies unter Umſtänden das beſte Auskunftsmittel iſt, glaube aber, daß dieſe Umſtände möglichſt fern gehalten, in keinem Falle durch das Buch ſelbſt zur Nothwendigkeit erhoben werden ſollten. Ein ſolches deſultoriſches Verfahren möchte theils den Schüler gewöhnen, unſtät und flüchtig unter vielem Unſchmackhaften hin und wieder herumzukoſten, theils eine wahre Planmäßigkeit, ein geſichertes Fortſchreiten der Lectüre, eine wirkliche Abſol— virung des vollen Jahrespenſums unmöglich machen. Ich fürchte, daß der allzu geringe Umfang der wirklich vollendeten Lectüre in unſern deutſchen Gymnaſien vorzugsweiſe einer Beſchaffenheit unſerer Leſebücher zur Laſt fällt, die mir fehlerhaft zu ſein ſcheint, und wünſche jedenfalls für die unterſten Claſſen ein Buch, das nicht zu einem großen Theile unberührt als inutile pondus Jahre lang umhergetragen wird, ſondern das, wie Valpy's Leſebuch, von Anfang bis zu Ende ohne Ueberhüpfen und Ueberſpringen binnen zwei Jahren wirklich durchgeleſen werden kann. Die lateiniſche und die claſſiſche Bildung würden dadurch meines Erachtens eine ganz andere für das ganze Leben werth— volle Grundlage erhalten.
Ein zweiter Votant bemerkte hierüber weiter: Der Inhalt des— Leſebuches iſt ſo ausgeſucht langweilig, daß es nicht beſonders geeignet erſcheint, die Luſt an der lateiniſchen Sprache bei dem Knaben zu erwecken oder zu erhalten. Ein für dieſe Claſſen beſtimmtes Leſebuch muß einen anziehenden, durch Mannichfaltigkeit und Abwechſelung feſſelnden Inhalt haben und ſich weniger in breiter Erzählung, als in kurzer, prägnanter, ſententiöſer Form bewegen, die ſich dem Gedächtniſſe leicht einprägt, es muß dem Schüler mannich— faltige Gedanken und Ideen zuführen, ſein eignes Nachdenken erregen, ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit feſſeln, edle Geſinnungen und ſittliche Grundſätze ihm einpflanzen. Indem ich mir erlaube, als von dieſem Standpunkt aus bearbeitet das in London herausgekommene lateiniſche Leſebuch von Valpy zu bezeichnen, würde ich es für ſehr verdienſtlich halten, wenn einer der Herren Collegen nach dieſem Muſter ein für unſere Zwecke brauchbares Leſebüchlein bearbeiten wollte. Es wäre das gewiß eine lohnende, intereſſante Arbeit.
Dazu wurde noch weiter bemerkt: Die dem Leſebuche von Valpy geſpendeten Lobſprüche enthalten den Ausdruck auch meiner Ueberzeugung. Ich bewundere den


