Die Rörperlehre als Einleitungs in den planimetrisehen Unterrieht an höheren Mädehenschulen.
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Die Ansicht, dass dem mathematischen Unterricht wegen seines hohen formalen Bildungswertes auch in der höheren Mädchenschule künftig ein grösseres Gewicht zu sichern sei, hat sich überall Bahn gebrochen. Alle Reformvorschläge für die Besserung des Mädchenschulwesens stimmen darin überein. Der Stoff, der nach dem jetzigen Lehrplan behandelt wird, genügt durchaus nicht mehr den modernen Anforderungen. Zu sehr hat bei seiner Auswahl das blosse Nützlichkeitsprinzip geherrscht, als dass die Mathematik ihrer wichtigsten Aufgabe, der logischen und formalen Ausbildung der Schülerinnen, gerecht werden könnte. Nur die einfachsten geometrischen Begriffe, Definitionen und Berechnungen vertreten neben dem elementaren Rechnen die Mathematik im Lehrplan der höheren Mädchenschule. Während in den höheren Knabenschulen die Mathematik— Geometrie und Algebra— verhältnismässig früh und mit gutem Erfolg begonnen wird, setzt der geometrische Unterricht in der höheren Mädchenschule erst im 8. Schuljahr ein. Doch ist hier die grössere geistige Reife und die grössere Sprachfertigkeit der Schülerinnen zu berücksichtigen, die einigermassen den Nachteil des späteren Beginnes und der geringeren Stundenzahl(1 Stunde pro Woche) auszugleichen vermag. Leider bricht der geometrische Unterricht nach zwei Jahren ab, wird also nicht bis ins letzte Schuljahr fortgesetzt, wo ein intensiver Mathematikunterricht ganz besonders am Platze wäre. Aber auch in jenen zwei Jahren beschränkt sich die Geometrie grösstenteils auf Flächen- und Körperberechnungen und sinkt so zum Anhängsel des Rechenunterrichts herab, ohne ihrer eigentlichen Aufgabe, der Ausbildung des Anschauungsvermögens und der logischen Schulung, genügend Rechnung zu tragen..
Dass der geometrische Unterricht und besonders der Anfangsunterricht auch an Knabenschulen mit Schwierigkeiten zu kämpfen hat, ist unbestritten. Für viele Schüler ist er ein Schrecken, ein Unterrichtsfach, für welches gar oft Verständnis und Interesse nur sehr gering ist. Der Grund dafür liegt aber nicht in dem vielfach vorgeschützten„Mangel an mathematischer Begabung“, sondern meist in der Vernachlässigung der Anfangsgründe und in dem Mangel einer gründlichen Vorbereitung für die systematische Geometrie. In anderen Fächern bringt der Schüler gewisse Vorkenntnisse und fertige Begriffe mit, auf die sofort und ohne Schwierigkeit aufgebaut werden kann. Die Vorkenntnisse in der Geometrie sind aber so geringfügig und meist derart verschwommen und unklar, dass diese Begriffe unbedingt erst der Klärung, Erweiterung und Befestigung bis zur völligen Geläufigkeit bedürfen, ehe sie für den Unterricht verwendbar sind. Die abstrakte Natur der Begriffe ist das grösste Hemmnis für ein gedeihliches Fortschreiten des Unterrichts, ein Hauptgrund für das baldige Erlahmen des Interesses und für das Zurückbleiben so vieler Schüler. Einen weiteren wunden Punkt des geometrischen Unter- richts bilden die Beweise der Lehrsätze, die dem Schüler oft viel Kopfzerbrechen und dem Lehrer manche Enttäuschung bereiten. Immer wieder macht der Lehrer, selbst nach längerem Unterrichtsbetrieb, die betrübende Erfahrung, dass bei vielen Schülern das Verständnis für das Wesen des Beweises fehlt, von der Notwendigkeit eines solchen ganz zu schweigen. Nur zu oft kommt es vor, dass Voraussetzung


