wirkte furchtbar; mit einem Schlage machte er die Schwäche des Reiches, die Schwäche des Lehns- staates offenbar; die Treue, auf die er gegründet, war aufgehoben, und die königliche Macht stürzte zusammen.*³⁴) Die Fürsten, denen ohnehin die durch Unterwerfung der Sachsen wiederhergestellte Königsgewalt längst zu drückend geworden war, hatten jetzt einen Rückhalt, das gläubige Volk wurde mit dem Hinweis auf die Autorität der Kirche aufgereizt. Mehr und mehr neigte sich die öffentliche Meinung auf die Seite Gregors. Den König traf Unglück über Unglück. Wenige Wochen nach dem Wormser Konzil war sein treuester Anhänger unter den weltlichen Fürsten, Gottfried von Lothringen, durch Meuchelmord gefallen; kurz nach Ostern starb Bischof Wilhelm ven Utrecht, seine kräftigste Stütze unter den geistlicnen. Auf einer zu Pfingsten in Worms abgehal- tenen Reichsversammlung muste dem Könige die herrschende Stimmung klar werden: es erschien keiner der grossen weltlichen Fürsten. Schon hatten einige der sächsischen Geiseln mit Willen ihrer fürstlichen Aufseher aus ihrer Haft entkommen können und schürten von neuem in Sachsen den Aufruhr. In diese an Unneil und Enttäuschungen reiche Zeit fiel die Flucht Burchards; ge- wiss war die Nachricht eine niederschlagende für Heinrich: ein unseliger Zufall entriss ihm die Frucht jahrelanger Mühen, all der Anstrengungen, all des Blutvergiessens, die er an die Aufrecht- erhaltung seiner Hoheit gesetzt. Nachdem der Feind, den er am meisten gefürchtet, sein altes Wirkungsfeld hatte wiederfinden können, gerade in dem Augenblicke wo er ihn für alle Zeit un- schädlich zu machen gedachte, gerade in dem Augenblicke wo von allen Seiten schon Gefahren drohten, war eine Erneuerung des Sachsenaufstandes so gut wie gewiss. So wenig Heinrich bisher zur Nachgiebigkeit geneigt war, er sah keinen andern Ausweg, um sich wenigstens jetzt diese Ge- fahr fern zu halten, als durch gütige und milde Zuvorkommenheit seine Feinde zu entwaffnen zu suchen. Die wenigen noch in Haft gehaltenen sächsischen und thüringischen Grossen, unter ihnen Erzbischof Wezel und Bischof Werner, entliess er aus der Gefangenschaft, nachdem er sie hatte Urfehde schwören lassen. So hatte Burchard in kurzem alle seine Kampfes- und Leidensgenossen wieder um sich. Die rückkehrenden Fürsten fanden bei dem noch vor wenigen Monaten so ver- zagten Volke von Ruhe, Versöhnlichkeit, Unterwürfigkeit gegen Heinrich keine Spur, so sehr auch Otto von Nordheim, der seit seiner Aussöhnung mit dem Könige(Weihnachten, d. i. Jahresanfang 1076) als königlicher Statthalter auf der Harzburg residierte, die Eintracht zwischen jenem und den Sachsen zu erhalten bemüht sein mochte; desto mehr fanden sie Unzufriedenheit und Hass gegen Heinrich, Misstrauen gegen Otto. Heinrich hatte den Sachsen aufgetragen, die Burgen wie- derzubauen, und, was sie am schwersten drückte, ihre freien Erbgüter mit Steuern belegt— ein nochmaliger Versuch, durch eine allgemeine Reichssteuer den Lehnsstaat zu stützen; Schonung und Rücksicht hatten die Besiegten nicht erfahren. Aerger und allgemeiner war die Erbitterung gegen den König als vor der grossen Niederlage; dies Mal wurden die Fürsten, selbst wenn sie nicht gewollt hätten, zum Widerstande gegen den König gedrängt: war der erste grosse Aufstand noch nicht populär gewesen, jetzt war er es gewiss. Burchard war nicht der Mann, der sich solchen Arwartungen und Wünschen seines Volkes entzog; hatte sein Hass erlöschen können während der Zeit seiner schimpflichen Gefangenschaft? muste ihn nicht der wilde Trieb nach Rache zu noch grösserem Eifer anspornen? Wie das erste Mal stellte er sich an die Spitze der Bewegung, und wie das erste Mal fand er in Otto von Nordheim, den der König sich nicht geneigt zu erhalten wuste, den Genossen der Führerschaft.
Das Unglück des vergangenen Jahres hatte die Sachsenfürsten gelehrt, dass es nicht ratsam sei, sich von den mächtigen oberdeutschen Fürsten zu trennen, und sie konnten jetzt, wo die


