Aufsatz 
Die fossilen Wirbelthiere : Eine paläontologische Studie
Entstehung
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dem Höhlenbären im Kampf um die Herrſchaft gelegen haben oder nicht, gewiß iſt, und das genügt für unſeren Zweck, daß der Menſch den Schlußſtein der Thierſchöpfung bildet, daß der Thierorganismus in ſeiner höchſten Vollendung als Krone dem ganzen Schöpfungswerk zuletzt aufgeſetzt wurde.

Werfen wir nun am Ziele unſerer Wanderung durch die Thierwelt der Vorzeit noch einen Blick zu⸗ rück in die Vergangenheit, ſo können wir es nicht verkennen, wie unter den Wirbelthieren, von dem erſten Auftreten der Knorpelfiſche an bis zu dem Punkt, wo die Vernunft, im Menſchen verkörpert, als Herrſcherin über den Erdball auftrittt, ein allmählicher, in der unendlichen Zeit verlaufender Fortſchritt von dem niedren, embryonalen Fiſchcharakter zum Typus des Reptils und von dieſem zu den warmblutigen Wirbelthieren ſich vollzogen hat. Ja, ſehen wir genauer zu, ſo will es uns bedünken, als wären die Klaſſen der Wirbel⸗ thiere überhaupt gar nicht ſo ſcharf von einander geſondert, wie es die Syſtemaſtik bei den lebenden vor⸗ ſchreibt, war man doch im Zweifel, ob man den Jehthyosaurus zu den Fiſchen oder zu den Reptilien ſtellen ſollte, war man doch im Zweifel, ob man den Pterodactylus zu den Reptilien oder zu den Vögeln ſtellen ſollte. Rufen wir uns in die Erinnerung zurück, daß im allgemeinen auch die Ordnungen dieſem Drang nach Vervollkommnung, wie er ſich in der Reihenfolge der Klaſſen ausſpricht, nachfolgen und nehmen wir dazu, daß ſich auch in den Ordnungen Weſen finden, die ſich der Syſtematik nicht fügen, die wie die Dronte(Didus) Merkmale verſchiedener Ordnungen in ſich vereinigte, ſo ſehen wir auch zwiſchen den Ord⸗ nungen die Schranken, die ſich in der Jetztwelt ſo ſcharf ausprägen, durchbrochen, ſelbſt die Gattungs⸗ begriffe erweiſen ſich bei genauerer Betrachtung in dem angedeuteten Sinne nicht als unbeweglich. So ſehen wir denn, wie unſer Syſtem in ein bedenkliches Schwanken gekommen iſt, die Natur ſelbſt hat die ihr auf⸗ erlegten Feſſeln geſprengt; das Syſtem der lebenden Thiere, geſchöpft aus dieſem und aufgeſtellt für dieſe, darf auf die Vorwelt nicht angewandt werden, für die Vorwelt ſind ſeine Grenzen zu eng. Wir ſehen in dem unabſehbaren Gewimmel der vorweltlichen und lebenden Wirbelthiere ein großes, durch Uebergänge un⸗ trennbar verbundenes Ganze, und es will uns ſcheinen, als wären die Unterſchiede zwiſchen den Familien, Ordnungen und Klaſſen, wie wir ſie heute annehmen, erſt durch Ausſterben der verbindenden Zwiſchen⸗ glieder hervorgetreten, ſodaß wir alſo heute unvermittelt nebeneinander ſehen, was in der Vorzeit durch Ue⸗ bergänge verbunden war.

Wir haben mehrfach geſehen, daß die älteſten und niederſten Thiere den Embryonen höherer Thiere bis zu einem gewiſſen Grade ähnlich ſind. In der Deutung der Entwickelungszuſtände höherer Thiere hat man ſogar annehmen zu müſſen geglaubt, daß die höchſten Wirbelthiere alle niederen Ordnungen ihres Reiches während ihrer embryonalen Entwickelung durchlaufen müſſen, eine Anſicht, die eben ſo allgemein verbreitet, wie falſch verſtanden und deshalb angefochten iſt. Wenn wir nun in Wirklichkeit ſehen, daß in vielen Fällen ausgewachſene, ältere Formen Merkmale haben, wie ſie den niederſten Entwickelungsſtufen hoͤherer Thiere aus ſpäterer Zeit entſprechen, ſo liegt am Ende der Gedanke nicht fern, daß in dem Auftreten der höheren Organismen im Ganzen ein aͤhnliches Geſetz geherrſcht hat, wie in dem Auftreten höherer Entwick⸗ lungsſtufen bei dem Individuum, mit anderen Worten, daß, wie durch eine Reihe von immer höheren Or⸗ ganiſationsſtufen hindurch das Keimbläschen ſich zu dem Typus des Säugethiers umwandelt, daß ſo auch vom Lanzettfiſch bis zu dem Menſchen eine ununterbrochene Entwickelungsreihe vom niederen zum höheren Typus zu konſtatiren ſei. Stützen für ſolche Theorie wird jede neu entdeckte Zwiſchenform zwiſchen Arten, Gatt⸗ ungen, Ordnungen oder Klaſſen abgeben, aber die Entwickelung ſelbſt von Stufe zu Stufe iſt rein hypo⸗ thetiſch. Es iſt eine Hypotheſe, die allerdings einen gewiſſen Grad von Wahrſcheinlichkeit für ſich hat, die aber vor allem des gründlichen, experimentellen Nachweiſes bedarf, der bis heute noch nicht geliefert iſt, deſſen zukünftige Leiſtung aber nicht zu den Unmöglichkeiten gehört. Wir wollen uns deshalb vor der Hand mit den Bronnſchen Reſultaten begnügen und unter Entwickelung das Auftreten von immer höheren Formen in ſpäterer Zeit verſtanden wiſſen, ein Auftreten nach dem Plane, wie er in den aufeinanderfolgenden Entwick⸗ lungsſtufen der höheren Wirbelthiere, von der Uranlage bis zur vollen Entfaltung aller Organe, vorgezeich⸗ net iſt. Wir wollen hier nur die faktiſchen Verhältniſſe betonen und uns eines Rückſchluſſes über die be⸗ wegende Urſache ganz enthalten, vielleicht, daß auch unſere Nachkommen mit dem zureichenden Grunde warten müſſen, bis ſie ſelbſt einmal in die Lage kommen, eine Welt mit organiſchem Leben zu verſorgen.

Der Zuſammenhang, welcher ſich nach obigem zwiſchen höherer Organiſationsſtufe und dem Vorrücken der Zeit ergeben hat, iſt demjenigen analog, den die Geologie für die Oberflächenbeſchaffenheit unſerer Erde und die fortſchreitende Zeit nachgewieſen hat. Halten wir dieſe beiden Reſultate nebeneinander, ſo ergibt ſich, daß in dem Maße, als die Erdoberfläche ihre Beſchaffenheit verändert hat, daß in dieſem Maße auch, wie überhaupt die organiſche Natur, ſo insbeſondere das Reich der Wirbelthiere Veränderungen unterworfen