Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 3. Abteilung
Entstehung
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Als nun R. gegen Ende Juli 1620 von Halle wieder aufbrach, um nach Wolmirſtedt zu reiſen, gab ihm Evenius einen Empfehlungsbrief an Siegmund Hesse in Magdeburg mit*). Dieſer war von der Empfehlung und von der perſönlichen Bekanntſchaft des Didaktikers ſo erfüllt, daß er alsbald nach deſſen Entfernung den Magdeburger Pfarrer Cramer und den ehemaligen Profeſſor des Hebräiſchen M. Meier**) dem R. nachſandte, um ſich von demſelben über die neu erfundene Lehrart belehren zu laſſen. Als nun nach einiger Zeit R. auf der Rückreiſe von Wolmirſtedt Magdeburg wieder berührte, ſuchte ihn Hesse mit D.- berus(wahrſcheinlich Paul Röberus, damals Hofprediger bei dem Adminiſtrator des Erzbisthums Magdeburg zu Halle, ſpäter Profeſſor und General⸗Superintendent zu Wittenberg) und P. Cramer in ſeiner Herberge auf und conferierte mit ihm über Schulſachen und über die Reform des Magdeburger Schulweſens.

R. waren die Anträge Hesses und die Ausſichten, welche ihm die drei Männer in Magdeburg eröffneten, einer Stadt, welche als eine vorzügliche Pflegeſtätte des reinen Lutherthums galt, höchſt will⸗ kommen. Auf Hesses Rath ſchlug er denn auch ſeinen Wohnſitz in Magdeburg auf und wandte ſich am 23. Auguſt 1620 an den Rath der Stadt Magdeburg mit einem Schreiben***), in welchem er, ausgehend von demvornembſten Stück des Oberkeitlichen Ambts, nämlich der Sorge für die rechte Unterweiſung der Jugend, ſich bezüglich ſeiner eigenen Meinung von der Verbeſſerung der Schulen und rechten Unterweiſungsart auf die Berichte der Jenaer und Gießener Profeſſoren ſowie auf die dem Schreiben beigefügten Hauptpunkte (offenbar die oben II. S. 6 ff. abgedruckten dreizehnPuncten, Auff welchen die Didactica oder Lehrkunſt ſeiner Didaktik gründlichen beruhet) beruft und ſeinen Entſchluß kund gibt, ſeingefaſtes Vnterweiſungswerck nunmehr allen Chriſtlichen, der reinen Lutheriſchen Lehr zugethan Chur⸗Fürſten, Ständen vnd Räthen frei vnd guttwillig darzubieten vnd mitzutheilen. Er bittet den Rath, dieſes Werk durch geeignete Perſonen prüfen zu laſſen und darnach einen Entſchluß zu faſſen.

Der Rath wies auf Betreiben Hesses das Anſuchen des Didaktikers keineswegs zurück, ernannte vielmehr eine Commiſſion, welche auf Grund fleißiger Beſprechung mit R. ein Gutachten abgeben ſollte. Der Bericht derſelben lautete dahin,das nicht allein ſein intent gantz Chriſtlich, ruhmblich vndt zu Gottes Ehre vndt der lieben Jugendt ſonderen wohlfartt gerichtet, Alſo, daß dieſelbe in allerhandt ſprachen vndt disciplinen ohne großen koſten vndt langkwieriger Zeitverſpildung, zu gedeilichem guten profect gebracht werden könne, Sondern daß auch zu wahrer Fortpflantzung der rechten Chriſtlichen Kirchen, vndt wahren Lutteriſchen vndt vnvorfelſcheten Augspurgiſchen Glaubens confession undt bekantnüß, in dem zugleich die lieben Kinder mitt dem Leſen vndt ſchreiben, ihre capita pietatis aus Gottes wortt vndt der heiligen Schrifft grundt zu erlernen gemeint.

So ertheilte denn der Rath, zumal R. erklärt hatte, daß er ſein Werk in Magdeburg.ohne Darlage vndt Koſten von Seiten des Rathes recht anzufangen entſchloſſen ſei, auch allbereits etliche Collaboranten, ſo ſich dazu anerboten, vorhanden ſeien, nach einhelligem Beſchluſſe aller drei Erb⸗Rathsſtände am 2. No⸗ vember 1620 dem R. eine förmliche Conceſſion). In derſelben nimmt der Rath R. und ſeine Collabora⸗

*) Nach zwei Jahren erklärte Evenius, der mittlerweile aus einem Schüler und Freund ein erbitterter Rivale und Gegner R.s geworden war, er habe R.ex misericordia an die Statt Magdeburg gecommendiret. Pxtract. Articulor. etc. vom Juli 1622. ad N. 50 bei Niemeyer I. I. S. 18.

**) M. Georg Meier aus Einbeck, ein Schüler des Chriſtoph Helvicus, war der Sache des R. ſchon längſt zugethan und war bereits im Juni 1619 mit ſeiner Antrittsrede(welche auch im Druck erſchien s. t.Marius a Strachindis Nihil probans) für R. öffentlich in die Schranken getreten.

***) Daſſelbe iſt abgedruckt bei Niemeyer, 1846. S. 6 f.

) Abgedruckt in Allgem. Bibliothek für das Schul⸗ und Erziehungsweſen in Deutſchland. Nördlingen, VII, 2. 1779. S. 330 ff. und bei Niemeyer, J. I. S. 7 ff.