Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 3. Abteilung
Entstehung
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worden waren*), trafen ſie noch an dieſem ſelben Tage Abends in dem zum Amte Oſteraw(Oſtrau) ge⸗ hörigen v. Feldheimſchen Dörfchen Drelitz(unweit Halle) mit R. zuſammen. R., von dem Halliſchen Rector Evenius begleitet, benahm ſich bei dieſer Zuſammenkunft äußerſt vorſichtig und verſöhnlich, gab als den einzigen Zweck, welchen er bei derſelben verfolgt habe, die Verſöhnung mit den beiden alten Freunden an, entſchuldigte ſein früheres Benehmen nicht anders als durchanderer leute invidiam vnd ſeine vehementiam, erwähnte gefliſſentlich der Religion gar nicht, ſprach die Hoffnung aus, daß ſeine Bibliothekmit der Zeit, wenn man ſehe, das er der Jugend damit dienen wolte vnd könte, ihm gefolgert werden würde, und erklärte ſich noch immer bereit, dem Fürſten Ludwigmit gut, blut, leib und leben zu dienen, und geneigt, insbeſondere alles was in Cöthen an Büchern zur Lehrart verfertigt würde, vor dem Drucke einer Durchſicht zu unterziehen, wollte auch den Verkauf eines Theiles der in Cöthen zur Lehrart gedruckten Bücher übernehmen. Ebenſo zeigte ſich Evenius ſehr zurückhaltend und erklärte, er habe R. nur begleitet, um zu erfahren, was für Bücher in Cöthen gedruckt würden**).

Aus vorſtehenden wenigen Notizen dürfte ſo viel wenigſtens zu entnehmen ſein, daß R. ſchon in der erſten Woche nach ſeiner Abreiſe aus dem Anhaltiſchen das Verlangen nach einer Ausſöhnung mit Cöthen aufrichtig empfand. Sein Zorn war verraucht, der Edelmuth und das gute Herz hatten wieder die Oberhand in ihm gewonnen, und die Hoffnung, daß man ſeine ausgeſtreckte Hand der Verſöhnung nicht zurück⸗ ſtoßen werde, lag ſeinem Weſen zu nahe, um ſie zu unterdrücken. Allerdings fand dieſe Hoffnung auch in dem Ehrgeize ihre Nahrung, der, durch die günſtigen Nachrichten über den auch ohne des Erfinders Mitwirkung gedeihenden Fortgang des Cöthenſchen Schulweſens aufgeſtachelt, das lebhafte Verlangen in ihm wecken mußte, ſeinen Namen wieder an der Spitze der Anhaltiſchen Schulreformation prangen zu ſehen. Aeußere Gründe, wie etwa Geldgewinn oder auch nur der angefochtene Beſitz ſeiner reichen Bibliothek, traten ſicherlich ganz und gar zurück. Denn auch in den beſten Tagen war Geld und Gut bei R. weder Gegenſtand beſonderen Ver⸗ langens, noch in beneidenswerther Menge eingekehrt, und die Rückgabe ſeiner Bibliothek hing ja lediglich an der Erſtattung der von den Fürſten für Auslöſung derſelben gezahlten Geldſumme und konnte auch ohne das früher oder ſpäter von der ihm wohlbekannten Liberalität des Fürſten Ludwig erhofft werden. Am ſchmerz⸗ lichſten noch mußte R. den Beſitz ſeiner ſchriftlichen Aufzeichnungen zu ſeiner Lehrart vermiſſen. Aber auch dieſer war, wie ſich unten ergeben wird, keineswegs unerſetzlich.

Aus der Sorgfalt, mit welcher R. es bei jener Unterredung vermied, die Differenzen auf confeſ⸗ ſionellem Gebiete zu berühren, dürfte ebenſo ſehr die Aufrichtigkeit ſeiner verſöhnlichen Geſinnung erkannt werden, wie ſie ein bedeutungsvolles Licht auf die Frage wirft, was es eigentlich geweſen iſt, was den R. in Cöthen geſtürzt hatte; daß dies der confeſſionelle Zwieſpalt geweſen iſt, deutet auch Fürſt Ludwig klar genug an, wenn er in den unter dem 1. Juli 1620 den beiden Freunden des R., Gueinzius und Stuben- rauch, für die Unterredung mit R. ertheiltenNotanda worauff achtt zu geben befiehlt:Das woll darauff achtt gegeben werde, vnd ſolches widerſprochen, als wenn er wegen der Religion von hinnen gekommen were***).

*)Das W. R. nicht von dieſen vnſern beſtelten Dienern ettwas zu ſeiner exculpation, wie ſie nicht iſt, auslocken, vnd dadurch andere, ſo bey ihm ſein, ferner irre mache, auch die von ihm angewehnte calumnien cumulire; ferner das woll darauff achtt gegeben werde, vnd ſolches widerſprochen, als wenn er wegen der Religion, oder Andere, ſo vber ihm ſein wolten, von hinnen gekommen were, auch Rector Hallensis Evenius von Allem informiret; alſo die Beſchaffenheit ſeiner Biblioteck vnd ſchrifften halben in achtt zu nehmen.

*) Vergl. den Bericht von Gueinzius und Stubenrauch bei Krauſe, W. Ratichius. S. 169 f.

***) Hier möge nachträglich noch eine Stelle aus einem Briefe der Gräfin Anna Sophia von Schwarzburg an Herzog Johann Friedrich zu Würtemberg(d. d. 6. April 1627.) Platz finden:Alß aber die Calviniſchen Prieſter daſelbſt(in