Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 2. Abteilung
Entstehung
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Dieſen letzteren fünf Ausſtellungen legte der Fürſt eine ſolche Bedeutung bei, daß er eine genauere Unterſuchung derſelben vornehmen ließ. Das Reſultat dieſer Unterſuchung wurde R. am 1. October 1619 in folgenden Puncten übergeben mit dem Auftrage, ſich auf dieſelben zu erklären:

1) Das die Knaben vndt Mägdlein die Buchſtaben zu lernen nach der alten artt, vndt nicht mit vorbildung derſelben angewieſen werden.

2) Das die vuterſten Knaben, ehe ſie von dem Kiſter zue Bierbergen kommen, das Leſebüchlein vom Zuhören außwendig lernen, vndt nachmals bey ihme nach der Larven vnndt nicht nach den Buchſtaben leſen.

3) Lernen ſie auch wegen der Kürtze das Leſebüchlein außwendig.

4) Iſt wegen des ſchreibens die notturfft nicht angeordnet, ſo iſt auch zue wenig dazue destinirt.

5) Iſt die Teutſche Bibliſche lection vndt praxis Germanicae Grammaticae, ſo anfangs angeordnet, vnterlaſſen worden.

6) In der explication des Terentii wirdt bißweilen allzuweitt a proprietate verborum abgeſchritten.

7) Iſt bey den Knaben articulata et distincta pronunciatio desideriret worden.

8) Das die Music vndt ſingen gantz gefallen, weil die Knaben dem Cantori alß der ſonſt mitt ihnen nichts zu thun hatt faſt keinen respect mehr erzeigen.

9) Das wegen der Quickſtunden auf andere Mittel möge gedacht werden, damit der Eltern große clage geſtillet, vndt die Knaben auf anſtehenden winter wegen der Kälte, in vielem auß vndt eingehen, nicht ſchaden leiden mögen. 3

10) Steht zu bedenken, wie die Stunden itzt gegen dem Winter füglich mögen distribuiret werden.

11) Wie in gleichem mit der Straff in moralibus zu verfahren.

In ſeiner Erklärung auf dieſe Ausſtellungen ſchiebt R. alle Schuld auf die Inſpectoren, die ihre Schuldigkeit nicht gethan hätten. Dieſelben hätten beſſere Aufſicht führen und die Lehrer erinnern ſollen, nicht nach der veralteten Methode zu lehren(ad 1), auf die Fortſchritte der einzelnen Kinder zu achten(ad 2), auf die ordentliche Anfertigung der ſchriftlichen häuslichen Arbeiten zu dringen(ad 4), bei der Erklärung des Terentius nicht zu weitſchweifig zu werden(ad 6) und auf richtige Ausſprache zu halten(ad 7); ſie hätten die Autorität des Cantors bei den Schülern ſchützen ſollen(ad 8), wie auch ſie allein für die Disciplin verantwortlich zu machen ſeien, da es ihnen unverwehrt geweſen wäre, nöthigen Falles, jedoch in ihrem Beiſein,durch den Küſter, oder eine andere bequemere Perſon die Ruthe zu gebrauchen(ad 11). Die Didaktik aber treffe in allen vorgehaltenen Stücken keinerlei Schuld; ſo ſeien auch Schreibübungen genug angeordnet(ad 4), und die Bibellectüre ſei durch die Eltern vereitelt worden, welche die ihren Kindern von dem Lehrer übergebene Bibel dem Lehrer zurückgeſchickt hätten*)(ad 5). Der einzige Mangel, welchen R. zugab, war die Kürze des Leſebuches; dieſer Mangel ſei aber durch Vermehrung des Leſeſtoffes oder durch Lectüre des Neuen Teſtamentes leicht zu erſetzen(ad 3). Im Betreff der Unterrichtszeit im Winter ſchlug R. vor, die Knaben Vormittags eine Stunde ſpäter und Nachmittags eine Stunde früher zur Schule kommen zu laſſen und die Quickſtunde auf eine halbe Stunde zu beſchränken; dieſe aber mit Uebungen, Wiederholen, Declinieren und Conjugieren im Beiſein des Lehrers auszufüllen(ad 9 und 10).

Des FürſtenErinnerung vber Ratichii bedencken wegen der Schulmängel fand ſich durch jene Erklärungen nicht befriedigt, ſondern verlangte in kategoriſchem Tone beſtimmte Reformen, wie die Anſchaffung und den Gebrauch von Wandtafeln mit roth angedeutetemductus literarum für das Buchſtabenſchreiben,

*) Es war nämlich nicht die Herbornſche, und eine andere duldete das reformierte Bewußtſein der Cöthener nicht. Als R. bei einem Beſuche der Mädchenſchule die Herbornſche Bibel fand, ſagte er, die Kinder möchten ſich auch einen Herbornſchen praeceptorem ſuchen.