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Glanze und kriegeriſcher Auszeichnung, ſondern in friedlichem Walten. Seine vielſeitige feine Bildung, verbunden mit dem idealen Zuge eines milden friedfertigen Herzens, verleidete ihm die zelotiſchen Beſtrebungen, mit denen ſeine letzten Vorgänger den Bekenntnißſtand der evangeliſchen Kirche in Anhalt gewaltſam umgeſtoßen hatten, und ließen ihn, obgleich er der reformierten Confeſſion ehrlich zugethan war, die eifrige Unterſtützung der Be⸗ ſtrebungen auch eines lutheriſchen Pädagogen, wie R. war, zum Beſten ſeines Volkes nicht von der Hand weiſen*).
Ueber ſeine erſte Bekanntſchaft mit R., über die Verhandlungen, welche den Didaktiker nach Cöthen führten, und über deſſen Ankunft und erſtes Auftreten in Cöthen hat Fürſt Ludwig am 20. April 1618 Folgendes zur Mittheilung an ſeine Brüder aufgezeichnet**).
„Als mir im Ihar 1613 vnterſchiedene reiſen naher Weymar, wegen der heyrahtshandelung meiner ſchweſter Freulein Anna Sophia, Fürſtin zu Anhalt ꝛc. mitt Graff Carl Güntern zu Schwartzburg ec. fürgefallen, habe ich bey ſolcher gelegenheitt Wolfgangum Ratichium aldar geſehen, das er hochgedachte meine ſchweſter, als woll noch ein freulein, des Herren Reussen zu Gera tochter, die Lateiniſche Sprache gelehrett. Bin auch darneben berichtett worden, das er dergleichen vnterweiſung in Hebreiſcher ſprache mitt den beyden ſchweſtern, der Hertzogin Wittwen aldar, vnd dem freulein, dan dem vorgemeltten freulein der Reussin, vnd der jungen herrſchaft Hofmeiſtern Friederich von Kospott, für der hand hette. Vnd haben ſonderlich der beyden ſchweſtern Lbd. ſeine geſchicklichkeitt in dieſer Lehrkunſt(ſo woll damals, als hernacher, vnd noch neulich abgewichenes Jahres) ſehr gegen mich gerühmet, vnd das ehr in anderen ſprachen dergleichen auch in ſchwange zu bringen ſich getrauete, vermeldett. Was auch ſolche ſeine vnterweiſung bey hoch vnd vorgedachten perſonen für einen ſonderbahren nutz in kurtzer Zeitt geſchaffett, iſt dere orts, als auch ſonſten, genugſam kundig.
Wiewoll ich nun damals von ſeiner des Ratichii geſchicklichkeitt vernommen, ſo hatt es doch, wegen anderer viellfältiger geſchefte vnd vnterredungen, da auch mehrentheils meine reiſen ſehr eillfertig geweſen, ſich nicht ſchicken wollen, das ich mitt ihme nach notturft zu ſprechen kommen were, vnd ſeinen eigentlichen Zwegk ſellbſten vernehmen mögen.
Es hatt ſich aber im Ihar 1616, als ich mitt meiner gemahll vnd kindern in Weſtfalen, zur beſuchung der ſchweigerfraumutter vnd ſchwägere geweſen, zugetragen, das ehr eben zu derſelben Zeitt zu Steinfortt angetroffen worden, vnd den dritten tag des Augſtmonats von dannen mitt den meinigen auff Reda ſich begeben, Aldar ich von graff Adolffen von Bentheim berichtet worden, wie das ehr auff ſein des graffen erfordern etzliche tage zu Steinfortt geweſen, mitt den professoribus der graffenſchule aldar allerley gutte vnd nützliche vnterredung gehabtt, die auch zum theill ettwas von ihm würden begriffen haben. Es ſtünde aber darauff, das man zu vollenthurung ſeines fürhabenden wergks, von der graffen von Bentheim ſeiten, als auch von andern grafen geſchehen würde, etzliche gelehrte zu ihm, wohin ehr es begheren thette, ſchicken ſoltte, vnd ſeine ſachen rechtt laſſen begreiffen.
*) Vergl. Joh. Chrph. Beckmann, Hiſtorie des Fürſtenthums Anhalt. Zerbſt, MDCCX. fol. S. 484 ff.— Deſſelben Aecessiones Historiae Anhaltinae. Zerbſt, MDCCXVI. fol. S. 557 ff.— M. Joh. Chrn. Krauſens Fortſetzung der Ber⸗ tramiſchen Geſchichte des Hauſes und Fürſtenthums Anhalt. Halle, 1782. 8. S. 743 ff.— Dr. G. A. H. Stenzel, Handbuch der Anhaltiſchen Geſchichte. Deſſau, 1820. 8. S. 199 ff.— Andr. Gottfr. Schmidt, Anhaltiſches Schriftſteller⸗Lexicon. Bernburg, 1830. 8. S. 220 f.— F. W. Barthold, Geſchichte der Fruchtbringenden Geſellſchaft. Berlin, 1848. 8. S. 29— 35.— Bekannt iſt Fürſt Ludwig als Stifter und erſtes Oberhaupt der„Fruchtbringenden Geſellſchaft“ oder des„Palmenordens“ (Die Geſellſchaft wurde geſtiftet am 17. Auguſt 1617 unmittelbar nach dem Begräbniſſe der Herzogin Dorothea Maria zu Weimar, einer Schweſter des Fürſten). Vergl. Barthold I. l. S. 217 f.— Bemerkenswerth iſt, daß in der von dem Superintendent Ge. Raumer zu Deſſau am 14. Februar 1650 gehaltenen Leichenpredigt auf Fürſt Ludwig(„Der deutſche Moſes in Anhalt wird verſammelt zu ſeinem Volk“. Gedruckt zu Cöthen, MDCL. 72 S. 4.) der Beſtrebungen deſſelben für das Schulweſen mit keinem Worte Erwähnung geſchieht.
**) Abgedruckt auch in Niemeyers Programm über W. Ratich. Halle, 1842. S. 5— 10.


