Aufsatz 
Das Leben und die pädagogischen Bestrebungen des Wolfgang Ratichius : 2. Abteilung
Entstehung
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Das Leben und die pädagogiſchen Beſtrebungen

des

Wolfgang Ratichius. (Zweite Abtheilung.)

8. 7.

Ankunft des Ratichius in Cöthen. Verhandlungen mit den Anhaktiſchen Fürſten und dem Herzoge von Fachſen-Weimar.(10. April bis 12. Mai 1618.)

Die Geſchichte des Ratichianismus führt uns an eine ganze Reihe von deutſchen Fürſtenhöfen, an welchen Kriegsluſt und politiſcher Thatendrang vor der Pflege der höchſten und reinſten Fürſtenaufgabe, der Fürſorge für das geiſtige Wohl des Volkes, zurücktreten mußten. Mitten unter dem wilden Treiben, in welchem ungezügelte Leidenſchaften den verzehrenden Brand jenes heilloſen Krieges entzündeten und ſchürten, iſt es eine wohlthuende Erſcheinung, daß deutſche Fürſten und Fürſtinnen, die den Segen einer tüchtigen und feinen Jugendbildung an ſich ſelbſt erfahren hatten, in echt patriotiſchem Streben die geiſtigen Güter der Nation durch eine vernünftige, ſorgfältige und wahrhaft deutſche Unterweiſung und Erziehung der Jugend zu pflegen und zu entwickeln bedacht waren und mit ſeltener Liberalität ſelbſt großen Koſtenaufwand für die Unterſtützung pädagogiſcher Beſtrebungen nicht ſcheuten. Unter dieſen Fürſten verdient an erſter Stelle unſere Bewunderung Fürſt Ludwig zu Anhalt⸗Cöthen.

Derſelbe, geboren zu Deſſau am 17. Juni 1579, hatte in ſeiner Jugend eine gelehrte Bildung und die ſorgfältigſte Erziehung genoſſen und hatte ſechs Jahre lang(1596 1602) durch eine große Reiſe, welche ihn durch Deutſchland, Holland, England, Frankreich, Italien und Ungarn geführt hatte, ſeine Neigung zu wiſſen⸗ ſchaftlichen Studien genährt und den Werth edlen Geiſteslebens ſchätzen gelernt; in Paris hatte er ſich in die Studentenliſte eintragen laſſen und in Italien drei Jahre lang die italieniſche Sprache und Literatur ſtudiert; aber mit der dort gewonnenen hohen Begeiſterung für ausländiſche Kunſt und Wiſſenſchaft hatte er die Liebe zu deutſchem Weſen und insbeſondere zu der deutſchen Sprache und Literatur nicht eingebüßt. Seitdem er im Jahre 1603 die ſelbſtändige Regierung des ihm zugefallenen Cöthenſchen Theiles des Anhaltiſchen Fürſtenthumes über⸗ nommen hatte, ließ er ſich mit warmem Eifer die Pflege der Schulen, die Verbeſſerung der Rechtspflege und die Förderung guter Sitte bei ſeinen Unterthanen angelegen ſein und ſuchte ſeine Befriedigung nicht in äußerem

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