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Außer Paulus hat nun kein Schriftſkeller des Neuen Teſtamentes den Satz ausgeſprochen, daß der Menſch um ſeines Glaubens willen von Gott für gerecht erklärt werde. Wenn es ſogar bezweifelt wird, daß der Heiland in der Geſchichte vom Phariſäer und Zöllner das Wort dsdtxAνμνέκοο öebraucht habe, und geſagt wird, daß dasſelbe von dem Pauliner Lukas dem Heiland in den Mund gelegt worden ſei, ſo möchte ich das für Lukas geltend machen, daß, wenn er wirklich ſeinen Standpunkt als Pauliner höher geachtet hätte, als die ihm bekannte Wahrheit, er Act. 16, 31 den echt pauliniſchen Ausdruck 1XOε 1— anſtatt 60e geſetzt haben würde.
Darüber, daß durch Jeſus d. h. durch den Glauben an ihn, den Anſchluß an ihn den Menſchen die Erlangung des Heiles aornpig gewiß ſei, beſteht ja im ganzen Neuen Teſtament kein Zweifel, wie viele
bezeichnet werden, bereits als der Zuſtand ſittlicher Rechtbeſchaffenheit vor Gott.
So feſt dieſe Anſchauung auch in der Lehre Jeſu gegründet war, ſo wenig konnten die Apoſtel außer Paulus ſich dieſelbe aneignen, was ich mir daraus nur erklären kann, daß keiner von ihnen, ſoweit ſie uns durch Schriften bekannt ſind, dem Judentum, in deſſen Boden ihr religiöſes Denken und Fühlen wurzelte, prinzipiell ſo entſchieden abſagen konnte, als es der energiſche Paulus, Gottes auserwähltes Rüſtzeug, vermochte. Je mehr ſpäter die Gefahr des durch jüdiſche Geſetzeswerke veranlaßten ſittlichen Hochmutes durch die Gründung rein heidniſcher Chriſtengemeinden zu ſchwinden ſchien, um ſo mehr mußte den chriſtlichen Schriftſtellern und Predigern die Lehre von der dr‿αιοοσον ν iοtsοσ„Glaubensgerechtigkeit“ entbehrlich und die Lehre von dem durch den Glauben an Chriſtus d. h. durch die völlige Hingabe der
darin ſeinen Grund, daß der heutige Katholizismus ſich als die konſequente Fortſetzung des mittelalter⸗ lichen darſtellt.
Wer ferner weiß, daß ſich die Vorſtellung verdienſtlicher Werke außer bei den Katholiken auch bei evangeliſchen Chriſten findet, ohne daß dieſen dazu in der Lehre ihrer Kirchen auch nur im geringſten ein Anhalt geboten iſt, daß auch Evangeliſche die hohe Bedeutung der Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben nicht kennen oder verkennen, der fühlt ſich getrieben, für dieſelbe einzutreten und Zeugnis abzulegen, denn, wenn ſie verdunkelt oder gar vergeſſen würde, ſo bedeutete dies eine unheilbare Schädigung der evangeliſch⸗chriſtlichen d. h. der wahren Frömmigkeit. Dem evangeliſchen Chriſten heißt eben„fromm ſein“ nichts anderes, als in demütigem Vertrauen allein auf die Gnade Gottes in Chriſto Jeſu als deſſen treuer Jünger trachten nach dem Reiche Gottes und nach ſeiner Ge⸗ rechtigkeit.
Darmſtadt, im Februar 1888.
Rudolf Trümpert.


