Aufsatz 
Die Lehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben nach dem Neuen Testament / von Rudolf Trümpert
Entstehung
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Die Tehre von der Rechtfertigung aus dem Glauben

nach dem Neuen Teſtament, dargeſtellt von

Gymnaſiallehrer Rudolf Trümpert.

Es bedarf eigentlich keiner beſonderen Begründung, warum ich gerade dieſes Thema gewählt habe, denn es iſt ein um ſeiner Wichtigkeit willen jedem evangeliſchen Theologen naheliegendes, eher vielleicht, wie wohl mancher denkt, einer Entſchuldigung, daß ich es zu behandeln wage, nachdem ſo vieles von be⸗ deutenden Theologen darüber geſchrieben worden iſt.

Ich ſpreche eine ſolche jedoch nicht aus, ſondern erkläre, daß ich die dem Religionslehrer an unſrer Anſtalt ſich ſelten bietende Gelegenheit, eine Abhandlung in das Programm, das in die Hände von mehr als ſiebenhundert Schülern und damit auch in deren Elternhaus gelangt, zu liefern, benutzen zu müſſen glaubte, um für eine Lehre des Neuen Teſtaments Zeugnis abzulegen, deren Verkennung und Unterſchätzung in evangeliſchen Kreiſen mich als Geiſtlichen und Lehrer ſchon höchſt peinlich berührte, um nachzuweiſen, daß dieſelbe nicht, wie leider die meiſten Evangeliſchen meinen, nur etwa vom Standpunkt eines veralteten Dogmatismus aus noch Beachtung verdiene, ſondern wirklich im engſten Zuſammenhang mit dem religiöſen und ſittlichen Leben des evangeliſchen Chriſten ſtehe.

Auf Auseinanderſetzungen mit andern mir bekannten Anſichten über das behandelte Thema habe ich mich nur wenig einlaſſen dürfen, um nicht zu weitläufig zu werden; ich biete vielmehr die meinigen im Zuſammenhang dar.

Da die zur Betrachtung vorliegende Lehre von Paulus am deutlichſten und ausführlichſten entwickelt iſt, werde ich ſeine einſchlagenden Ausſprüche zuerſt unter den neuteſtamentlichen vorführen und beſprechen, jedoch, da ſie von ihm im Gegenſatz zur jüdiſchen Rechtfertigungslehre geſchehen, dieſe zuvor klarſtellen.

Es erſcheint überhaupt notwendig, den Boden der altteſtamentlichen Religion darauf hin zu unter⸗ ſuchen, ob er etwa die Keime der Anſchauungen birgt, welche wir im Neuen Teſtament vertreten finden, denn es iſt ebenſo verkehrt, das Neue Teſtament in völliger Unabhängigkeit vom alten zu betrachten, als in das Alte Teſtament neuteſtamentliche Gedanken hineinzutragen, die ihm ſeinem ganzen Weſen nach fremd ſind. Das Chriſtentum ſollte das religiöſe Leben der Menſchheit ausgeſtalten und verklären, knüpfte des⸗ halb auch an brauchbare Fäden im Gewebe der altteſtamentlichen Religionsgedanken an, iſt aber darum keineswegs ein bloßer Auswuchs der altteſtamentlichen Religion, ſondern hat ſich auf deren Grund zur Selbſtändigkeit erhoben.

In dieſer Beziehung muß dem Grundſatz e«principiis obsta» genügend Rechnung getragen werden, denn, wenn auch die Methode der Erforſchung etwaiger Anfänge der neuteſtamentlichen Religionsgedanken im Alten Teſtament eine wiſſenſchaftlich durchaus berechtigte iſt, ſo darf ſie doch nicht zur Feſſel für den Geiſt des Chriſtentums werden, die ſeine Bewegung und Entfaltung hemmt.

Die Bedeutung der Perſon Jeſu Chriſti iſt ein Faktor, welcher das Neue Teſtament

weſentlich vom alten unterſcheidet, denn die Hoffnung auf den unklar vorgeſtellten Segen

der Wirkſamkeit eines Meſſias, welche das Alte Teſtament durchzieht, und die Darſtellung

dieſes Segens in ſeiner ganzen Entfaltung, die uns das Neue Teſtament bietet, ſind zwei ſehr verſchiedene Dinge.

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