Aufsatz 
Bericht über die Feier des 25jährigen Bestehens der Großherzoglichen Realschule zu Wimpfen am Neckar am 2. und 3. April 1897 / von Direktor Dr. Kemmer
Entstehung
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Lied des Liederbuchs gesungen, das von einigen Herrn des Festausschusses(den Herren Grünewald, Kahl, Kemmer, Sander, Weitbrecht, ny) und einem früheren Schüler(Vollweiler) verfasst und den Teilnehmern überreicht worden war. Darauf betrat der Direktor die Rednertribüne und begrüsste die Erschienenen etwa mit folgenden Worten:

Hochgeehrte Festesfreunde! Bs ist mir eine angenehme Aufgabe, Sie hier in Wimpfens Namen, auf hessischem Boden begrüssen zu können und zu unserem Feste willkommen zu heissen. Wohl selten begeht eine höhere Schule in unserem lieben deutschen Vaterlande eine Schulfeier, bei der die Teilnehmer aus den verschiedensten Staaten des deutschen Reiches herstammen wie hier in Wimpfen. Sehe ich doch liebe Gäste aus Hessen, Baden, Württemberg, Bayern, Elsass, Preussen, und vielleicht ist auch noch der eine oder andere kleinere Staat vertreten. Das liegt zunächst an der Lage Wimpfens, denn als hessische Enklave grenzt es, um ein bekanntes Wort zu gebrauchen,mit seinen äussersten Extremitäten an das benachbarte Ausland; sodann aber hat es seinen Grund auch darin, dass Wimpfen als kleines Städtchen selbst nicht die für eine höhere Schule erforderliche Zahl von Schülern liefert und darum Raum lässt für andere, die mit Erfolg hier weiter arbeiten können.

Dazu kommt, dass Wimpfen infolge seiner günstigen Lage ein äusserst gesunder Aufent- halt ist und dass es als Kleinstadt für die studierende Jugend nicht die Ablenkungen in sich bürgt, wie eine moderne Grossstadt. Dass aber so viele Nichthessen ihre Studien hier fortsetzen und ihr Ziel erreichen konnten, das verdanken wir vor allem dem Umstand, dass in allen Staaten Deutschlands im grossen und ganzen dieselben Schuleinrichtungen herrschen und dass die Berechtigungen einer jeden Schule im ganzen deutschen Reiche Geltung haben. So zieht unsere Stadt aus der Einigung des Vaterlandes vermöge seiner Lage einen besonderen Nutzen, den wir als schwachen Ausgleich für das betrachten können, was es durch die Uneinigkeiten der deutschen Staaten in früheren Zeiten gelitten und er- duldet hat. Ich will der Versuchung, dies kurz darzulegen, widerstehen und nur darauf binweisen, was Wimpfen vor dem 30 jährigen Krieg, der durch die Schlacht bei Wimpfen in dauernder Erinnerung gehalten wird, und was es nach ihm war. Damals hat es seine Wohlhabenheit und Bedeutung fasst gänzlich eingebüsst, und es vermochte sich nicht mehr zur alten Höhe emporzuschwingen. Und was ihm geblieben war oder was es sich wieder errungen hatte, das ging in den französischen Raubkriegen und im spanischen Erbfolge- krieg verloren, bis denn die ewigen Kriege unter Napoleon ihm mit der Selbständigkeit als freie Reichsstadt zugleich den letzten Rest von Bedeutung und Ansehen entrissen.

Das alles war nur möglich durch die Ohnmacht und Zerrissenheit des alten deutschen Reichs, war nur möglich durch die Zersplitterung der deutschen Stämme. Wie ganz anders heute! Wie schwillt uns das Herz bei dem Gedanken an Stärke, Macht und Ansehen unseres lieben Vaterlandes! Wie sind wir gross und reich durch seine Weltstellung! Daraus erwächst uns aber auch die Pflicht, zur Erhaltung und Vermehrung dieser köst- lichen Güter das unsere beizutragen, es erwächst uns die Pflicht, den rechten vaterländischen Geist, die Liebe zu Kaiser und Reich zu fördern und zu pflegen und die Opferfreudigkeit zu erziehen und zu bethätigen, die das schönste Zeichen einer grossen Zeit uad die beste Bürgschaft für den Erfolg einer gerechten Sache sind. Und dazu sind vor allen Dingen unsere Schulen, vornehmlich die höheren Schulen berufen; denn sie sollen in den heran- wachsenden Geschlechtern den Geist schaffen und erhalten, der uns diese kostbaren Güter erworben, sie sollen die Männer erzeugen und mit edler Begeisterung erfüllen, denen die