Aufsatz 
Wörterverzeichnis zu Ostermann-Müller's lateinischem Übungsbuch für Sexta. Ausgabe A. Nach etymologischen Grundsätzen bearbeitet : 1. Teil
Entstehung
Einzelbild herunterladen

4

Sodann wird durch die Etymologie das Verſtändnis gefördert Durch die Zuſammenſtellutig der verwandten Wörter desſelben Stammes lernt der Schüler den Stamm von dem Suffix und Präfix ſcheiden und die Be⸗ deutung beider beſſer verſtehen. Stellen wir z. B. amicus und inimicus, discordia und concordia, molestus und molestia, vitium und vitiosus zuſammen, ſo erfährt der Schüler daraus die Bedeutung der Präfixe in-, dis- und con- und den Gegenſatz der beiden letzten, ebenſo die Bedeutung der Suffixe-ia und osus. Vergleichen wir amat mit amicus und amicitia, ſo wird dem Schüler zum Bewußtſein gebracht, daß die Liebe das Band iſt, welches die Freunde verbindet und daß das Weſen der Freundſchaft eben die Liebe iſt. Dieſe erſten Errungenſchaften des Lateinunterrichts werden dem Schüler ſpäter in Erinnerung kommen, wenn er auf einer höheren Stufe im deutſchen Unterricht erfährt, daß der Freund eigentlich derLiebende iſt, ein Participium Präſentis von frijon lieben. Ein anderes Beiſpiel läßt den Sextaner oder Quintaner einen kleinen Blick in die Entwickelung der Kultur tun: Wir ſtellen ager und agere zuſammen. ager bedentete ur⸗ ſprünglich dieTrift(von treiben), auf die das Vieh getrieben wurde (Kulturſtufe der Viehzucht). Später wurde die urſprüngliche Viehweide mit Getreide bebaut, ſo erhielt ager und das deutſcheAcker die Bedeutung beſtelltes Feld. An dem deutſchenAcker hätten wir dem Schüler dieſe Kulturentwickelung nicht klar machen können, da es im Deutſchen zu dem Subſtantivum Acker kein Verbum gleichen Stammes mit der Bedeutung treiben giebt.

Es dürfte wohl über die Verwendbarkeit der Etymologie und ihren Nutzen für den Unterricht kein Zweifel beſtehen. Wohl aber gehen über die Art und den Umfang ihrer Verwertung die Meinungen auseinander. Die einen wollen die Etymologie auf die oberen Klaſſen, andere auf gelegent⸗ liche Heranziehung beſchränken. Der Verfaſſer ſteht dagegen auf dem Stand⸗ punkt, daß die Etymologie ſchon von den unterſten Klaſſen an und nicht bloß gelegentlich, ſondern regelmäßig verwertet werde, daß ſie ein ſtehendes Unterrichtsmittel werde. Es genügt hier auf die weſentlich gleiche Anſicht zu verweiſen, die Direktor Hemme in der Vorrede zu ſeinem neuſten epoche⸗ machenden WerkeDas lateiniſche Sprachmaterial im Wortſchatze der deutſchen, franzöſiſchen und engliſchen Sprache S. 5 ausſpricht.

Es kann ſich alſo nach des Verfaſſers Anſicht nur noch darum handeln, in welcher Weiſe dieſe etymologiſchen Belehrungen von der unterſten Stufe an zu erfolgen haben, ob nur mündlich durch das Wort des Lehrers oder auch durch gedruckte Hilfsmittel, indem unſere Vokabularien nach etymo⸗ logiſchen Grundſätzen bearbeitet werden. Es iſt zuzugeben, daß die erſte Methode das für ſich hat, daß ſie die Mitarbeit der ganzen Klaſſe heran⸗