Eine der wichtigſten Fragen des Sprachunterrichtes iſt: Wie bringen wir unſere Schüler zu dem ſicheren Beſitz eines einigermaßen umfangreichen Wortſchatzes der fremden Sprache? Die bisher üblichen Mittel waren für die alten Sprachen auf der Unterſtufe das Auswendiglernen der Vokabeln und die unabläſſige häusliche Wiederholung derſelben, wozu natürlich die fortwährenden Übungen im Überſetzen aus der fremden Sprache in's Deutſche und umgekehrt traten; auch nach Beginn der Lektüre wurden die vorkommen— den Vokabeln auswendig gelernt. In den neueren Sprachen kamen noch die Sprechübungen hinzu. Wenn dieſe Mittel auch unbedingt weiter ange⸗ wandt werden müſſen, ſo müſſen wir doch nachſinnen, ob es nicht noch andere gibt, unſer Ziel zu erreichen. Dem bisher üblichen Einprägen der Vokabeln haftet der Mangel an, daß jede Vokabel für ſich iſoliert ins Ge⸗ dächtnis aufgenommen oder wenigſtens die Einreihung des neuen Wortes in den bereits bekannten Wortſchatz an der gehörigen Stelle von dem Schüler nicht mit Bewußtſein vorgenommmen wird. Dies geſchieht aber bei der von dem Verfaſſer in ſeiner kleinen Schrift„Die Etymologie im Sprach⸗ unterricht der höheren Schulen“ Halle 1906 vorgeſchlagenen Methode. Bei dieſer findet die Anknüpfung des Neuen an bereits Bekanntes ſowohl hin⸗ ſichtlich der Form wie der Bedeutung ſtatt, auch kann bei ihr, wie es bisher üblich war, das Vokabellernen an die Durchnahme von Übungsſtücken an⸗ geſchloſſen werden.
Die etymologiſchen Zuſammenſtellungen haben nach des Verfaſſers Anſicht einen doppelten Wert: Sie fördern zunächſt das Gedächtnis. Nehmen wir z. B. an, es ſeien von einer Wortfamilie fünf Wörter bekannt und es werde nun ein ſechſtes gelernt. Wiederhole ich nun bei der Einprägung des neuen Wortes die fünf erſten, ſo wird das neue gleichſam mit fünf Fäden in meinem Gedächtnis feſtgeknüpft, und andrerſeits werden die fünf früher gelernten Vokabeln ebenfalls noch ſtärker befeſtigt, indem zu den vier Fäden, die jedes Wort mit den vier andern verknüpfen, nun noch ein fünfter hin⸗ zukommt.
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