— 17—
Salv. Daß jene Autoren ihn möglicherweiſe anführen, ohne ihn angeſtellt zu haben, dafür ſeid Ihr ſelbſt ein klaſſiſcher Zeuge. Denn ohne ihn angeſtellt zu haben, citiert Ihr ihn als ſicher und verlaßt Euch in gutem Glauben auf ihr Wort. Ebenſo haben möglicher⸗, ja notwendigerweiſe auch jene gehandelt, ſich nämlich auf ihre Vorgänger verlaſſen, ohne daß man jemals auf einen käme, der den Verſuch wirklich angeſtellt hätte; denn jeder, der das thut, wird finden, daß ſich das gerade Gegenteil von dem ergiebt, was man geſchrieben lieſt. Man wird nämlich zum Ergebnis kommen, daß der Stein ſtets an derſelben Stelle des Schiffes niederfällt, mag dieſes feſtſtehen oder ſich mit beliebiger Geſchwindigkeit bewegen. Da aber die Erde und das Schiff gleiches Verhalten aufweiſen müſſen, ſo läßt ſich aus dem lotrechten Falle des Steines und dem Aufſchlag am Fuße des Turmes nichts über Bewegung und Ruhe der Erde ermitteln.
Simpl. Wenn Ihr mich nicht auf den Weg des Verſuchs verwieſen hättet, ſo würde nach meiner Meinung unſer Hin⸗ und Widerreden ſo bald noch kein Ende nehmen. Denn mir ſcheint dieſe Frage für menſchliche Spekulation ſo unzugänglich, daß hier niemand ſich erkühnen kann, etwas zu glauben oder zu vermuten.
Salv. Und doch erkühne ich mich das zu thun.
Simpl. Ihr hättet alſo nicht nur nicht hundertmal, ſondern auch nicht einmal die Probe darauf gemacht und ſeid doch des Erfolges ohne weiteres ſicher? Ich kehre zu meinem Unglauben und meiner anfänglichen Überzeugung zurück, daß die hauptſächlichſten Autoren, welche den Verſuch anführen, ihn auch angeſtellt haben und zwar mit dem von ihnen angegebenen Erfolge.
Salv. Ich bin ohne Verſuch gewiß, daß das Ergebnis ſo ausfällt, wie ich Euch ſage, denn es muß ſo ausfallen. Ja noch mehr, ich behaupte, Ihr ſelbſt wißt ebenfalls, daß der Ausfall kein anderer ſein kann, wenn Ihr Euch auch ſtellt oder vorgebt Euch zu ſtellen, als wüßtet Ihr es nicht. Ich ver⸗ ſtehe aber das Handwerk, mit Gehirnen umzugehen ſo meiſterlich, daß ich Euch gewaltſam ein Geſtändnis entreißen werde. Aber Signore Sagredo, Ihr ſeid ſo ſtille, und doch ſchien mir nach Euerer Gebärde, als wolltet Ihr etwas ſagen.
Sagr. Ich wollte wirklich eine Bemerkung machen; aber Euere Außerung, Ihr wolltet Signore Simplicio dermaßen Gewalt anthun, daß er ſein abſichtlich verſtecktes Wiſſen offenbare, hat mich neugierig gemacht und jeden anderen Wunſch in mir erſtickt. Ich bitte Euch alſo, Euer Rühmen wahr zu machen.
Salv. Wenn nur Signore Simplicio die Güte haben will, auf meine Fragen zu antworten, ſo ſoll es an mir nicht fehlen.
Simpl. Ich werde antworten, was ich weiß und bin ſicher nicht in Ungelegenheiten zu kommen. Denn von dem, was ich für falſch halte, kann ich meines Bedünkens nichts wiſſen; hat doch alles Wiſſen die Wahrheit und nicht den Irrtum zum Gegenſtand.
Salv. Ich wünſche nicht, daß Ihr ſagt oder antwortet, Ihr wüßtet irgend etwas, was Ihr nicht völlig ſicher wißt. Sagt mir alſo: wenn Ihr eine ebene, völlig glatte, ſpiegelähnliche Fläche habt, von ſtahlhartem Stoſſe, die nicht horizontal, ſondern etwas geneigt iſt und Ihr legt einen vollkommen kugel⸗ förmigen Ball darauf, aus ſchwerem, ſehr hartem Stoffe, etwa aus Bronze, was würde er ſich ſelbſt überlaſſen, Euerer Anſicht nach thun? Meint Ihr nicht auch, wie ich, er würde ruhig liegen bleiben?
Simpl. Und die Fläche ſoll geneigt ſein?
Salv. Freilich, dieſe Vorausſetzung habe ich ja gemacht.
Simpl. Keineswegs glaube ich, daß er liegen bleibt; im Gegenteil, ich bin völlig gewiß, daß er ſich von ſelbſt nach der geneigten Seite bewegen würde.


