Aufsatz 
In den Straßen des alten Rom / H. W. Stoll
Entstehung
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Es geht ſchon gegen Abend, und wir wollen noch einen Ort aufſuchen, wo das niedere Volk nach Vollendung der Tagesgeſchäfte ſich zur Erholung und zum Amüſement beſonders zahlreich zuſammenfindet. Das iſt der Fall an allen Compitis oder Straßenecken, den Verſammlungsorten der in der Nachbarſchaft wohnenden Leute, an dem ſervianiſchen Wall, in deſſen Nähe viel armes Volk wohnt, auf dem Forum, ganz beſonders aber in und um den Circus Maximus zwiſchen dem Palatin und Aventin. Im Innern dieſes großen Raumes und auch in und an den Außenmauern desſelben iſt eine Menge von Buden, in denen alles Mögliche zu haben iſt; aber man weiß auch, daß es hier allerlei Unterhaltung und Vergnügen gibt, und darum ſammelt ſich hier, beſonders gegen Abend, eine unendliche Menge von Volk. Es gehört vorzugsweiſe den niederen Ständen an, doch drängt ſich unter die Menge, um ſeine ſtillen Beobachtungen zu machen, auch mancher gebildete Mann, wie das gerne der Dichter Horaz that.

Das Volk ergötzt ſich an den Productionen von allerlei Künſtlern und Gauklern. Hier ſieht man abenteuerliche Kerls, die Feuer ſpeien, ſich Schwerter in den Rachen, Nägel in den Kopf ſtoßen, die ſpitze Nägel und alte Schuhe zerkauen und verſchlingen. Da balancirt ein Athlet eine Stange mit ſchweren Gewichten auf ſeiner Stirne; jetzt nimmt er zwei Kinder auf die Spitze der Stange, die ringen miteinander, ohne daß die Stange fällt oder mit den Händen gehalten werden müßte; er läßt ſich einen Ambos auf die Bruſt ſetzen und mit ſchweren Hämmern daraufſchlagen. Luftſpringer machen von einem Schwunggerüſte aus allerlei verwegene Sprünge, ſchnellen ſich durch glühende Reife u. dgl.; der hier wirft viele Bälle, Ringe, auch Dolche zugleich in die Luft und fängt ſie behend wieder auf, mit den Händen, mit der Schulter, mit dem Schenkel. Da ſtehn viele Leute um einen Seiltänzer herum; er macht verwegene Sprünge auf ſeinem Seil, aber je gefährlicher ſie ſind, deſto mehr gefällt es der rohen Menge, für welche die ängſtliche Spannung einen beſonderen Reiz hat. Jetzt nach einer kühnen Bewegung fällt er auf den Boden, er har, ſo ſcheint's, das Bein gebrochen. Ein Mitleidiger lauft ihm zur Hülfe; da rafft ſich flugs der Gefallene auf und ſetzt ſeine Sprünge fort; der Andre wird von dem Zuſchauerkreiſe ausgelacht. Solche Späſſe machten die Seiltänzer oft. Da wollen wir einem Taſchenſpieler zuſehen: Auf einem dreifüßigen Tiſchchen hat er drei kleine Näpfe aufgeſtellt; er ſteckt unter dieſelben weiße, runde Steinchen, wie man ſie an den Bächen findet. Dieſe verbirgt er bald einzeln unter den Näpfchen, bald zeigt er ſie alle unter einem einzigen; bald verſchwinden ſie ganz und gar, und dann bringt er ſie aus ſeinem Munde heraus. Endlich verſchluckt er ſie, ſtellt die ihm zunächſt ſtehenden Perſonen in die Mitte und zieht die Kügelchen dem Einen aus der Naſe, dem Andern aus den Ohren, und im nächſten Augenblick ſind ſie alle wieder verſchwunden. Hier zur Seite, wo das Gedränge nicht ſo groß iſt, iſt Etwas für die Jugend; ein Affe, von einem armen Teufel dreſſirt, ſitzt mit Helm und Schild auf einer ſtruppig bezottelten Ziege und macht,, ſtets die Peitſche des Herrn fürchtend, allerlei kriegeriſche Exercitien mit dem Wurfſpieß zwiſchendurch frißt er einen ſchlechten Apfel, den ein Gaſſenjunge ihm zugeworfen.

Unter den Leuten, die ſich, um Geſchäfte zu machen, hier herumtreiben, bemerkt man auch manchen Pharmakopolen, d. h. herumziehende Arzneiverkäufer und Quackſalber; ſie tragen in ihrem Kaſten allerlei Medicamente feil, die ſie ſelbſt zuſammengeſetzt haben, Giftmittel und Arcana aller Art, Amulete und Talismane, auch Schminken und Salben und Parfümerien. Das Möͤdchen kauft ſich eben, wie es ſcheint, einen Liebeszauber; daß er hilft, glaubt ſie ſicherlich. Wahrſager in fremdländiſcher Kleidung wandeln gravitätiſch umher und treiben

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