Aufsatz 
Ueber die ursprüngliche Bedeutung des Ares / Stoll
Entstehung
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Uebper die ursprüngliche Bedeutung des Ares.

Dass Ares, bei Homer und in der Folgezeit der wilde Gott des Kriegs und des Kampf- gewühls, ursprünglich eine umfassendere Bedeutung gehabt und wie die meisten anderen Gottheiten, deren Walten und Wirken in dem hellenischen Zeitalter sich vorzugsweise in dem Leben der Menschen offenbarte, in ältester Zeit zu der Natur in irgendwelcher Be- ziehung gestanden haben möge, ist in den letzten Decennien schon öfter ausgesprochen worden, mehr jédoch in der Form von Hypothesen und Vermuthungen, als dass man ver- sucht hätteé die Behauptung nach allen Seiten hin gehörig zu stützen und zu begründen. Vor einigen Jahren jedoch hat H. D. Müller in einer besonderen Schrift ¹) die Natur des Ares einer genaueren und ausführlichen Untersuchung unterworfen und zu erweisen gesucht, dass Ares ursprünglich eine chthonische Gottheit gewesen sci. Diese Schrift, von vielen mit Beifall aufgenommen, hat dagegen von anderen Seiten Widerspruch gefunden, indem man einerseits die Methode der Forschung Müllers tadelte, andrerseits auch die Resultate derselben angriff und leugnete. Was die Methode der Müller'schen Forschung anlangt, so haben wir uns hier weder die Aufgabe gestellt sie zu vertheidigen, noch auch sie anzugreifen; dem Hauptresultate der Schrift aber, dass Ares ursprünglich ein chthonischer Gott gewesen, d. h. dass er zu denjenigen Wesen gehörte, deren Wirksamkeit man mit den dunkelen Tiefen der Erde, dem Sitze des Todes, alles Grausen- haften und Schrecklichen sowohl wie dem geheimnissvollen Grunde aller Zeugung und Fruchtbarkeit in Zusammenhang fand, diesem Satze möchte ich durch die vorliegende Abhandlung, soviel ich vermag, Anerkennung verschaffen, zumal da ich selbst an verschie- denen Orten schon diese Behauptung ohne vollständige Begründung aufgestellt habe. ²) Der Gang meiner Untersuchung wird sich ganz unabhängig von den Forschungen Müller's halten, namentlich werde ich von einem andern Ausgangspunkte als Herr Müller beginnen und solche Data hervorziehen, welche dieser mehr im Hintergrunde gelassen hat; kommen wir auf verschiedenem Wege zu demselben Ziele, so möchte das ein Beweis für die Richtigkeit des Resultates sein. Es ist aber natürlich, dass, da in hellenischer Zeit die Idee des Ares als eines blosen Streit- und Schlachtengottes allgemein verbreitet war, dio

¹) Ares. Ein Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der griechischen Religion von H. D. Räller. Braunschweig 1848. ²) In meiner Ausgabe der Fragmente des Autimachos. Dillenburg 1845. p. 53. In Zeitschr. f. d. Alterthumsw. 1845. Nro. 92. In m. Handbuch der griech. Mythologie. 1te Aufl. 1849. p. 75. 2te Aufl: 1853. p. 73. 1