Die Entwicklung der ethiſchen Weltanſchauung des jungen Schiller darf wohl das beſondere Intereſſe des gebildeten Jünglings beanſpruchen, ſofern und ſoweit er ſelbſt noch im Kampf um eine ſolche Anſchauung ſteht. Er könnte von Schiller viel lernen. Dann aber erregt wohl unſer Gegenſtand das Intereſſe des Gebildeten überhaupt, denn er behandelt den Gang der ethiſchen Entwicklung Schillers in ſeinen Jugend⸗ und Wanderjahren. Wir werden beobachten, daß er in dieſer Zeit ſich zu einer beachtens⸗ werten ſittlichen Weltanſchauung durchringt. Er hat freilich um 1789, dem Jahre, mit dem ſeine Jugend⸗ und Wanderjahre enden, das höchſte Ziel ſeiner ethiſchen Entwicklung noch nicht erreicht, wenigſtens hat er um dieſe Zeit die Theorie der äſthetiſch⸗ethiſchen Weltanſchauung, auf der ſeine Bedeutung als Philoſoph beruht, noch nicht bis zu den letzten Konſequenzen ausgebaut. Das aber müſſen wir für ihn in Anſpruch nehmen, daß er die Anſätze zu dieſer Theorie am Ende des oben angegebenen Zeitraums ſchon beſitzt.
Auch aus einem anderen Geſichtspunkt feſſelt uns die ethiſche Entwicklung des jungen Schiller. Als Kind der Aufklärung mußte er viele der überkommenen ethiſchen Theorien verwerfen und andere Stützen für die Sittenlehre zu gewinnen ſuchen. Wir werden begierig ſein zu erfahren, welches die Stützen ſind, die er hierfür gefunden hat. Ein Jüngling hat in ſeiner Studienzeit in der Regel noch keine ſelbſtgewonnene Weltanſchauung. Ihm fehlt noch vielfach die Lebenserfahrung und die Reife des Urteils. Er wird ſeine Anſichten daher zuerſt von ſeinen Eltern, Lehrern oder anderen Erwachſenen, welche Einfluß auf ihn haben, entlehnen. Schiller, der Zögling der Karlsſchule, eignete ſich wohl die religiös durchaus liberalen Anſichten ſeiner Lehrer, insbeſondere derjenigen der Philoſophie, an. Einzelne der ihm haupt⸗ ſächlich wohl durch Unterricht vermittelten ethiſchen Anſichten hat er lange, reſp. für immer beibehalten.
Wir behandeln zunächſt vor allem die Jugendabhandlungen.
A. Fthik der Jugendwerke Schillers bis zu der Zeit der Dollendung von„Kabale und LCiebe“. Schillers Rnſichten über die Tugend. 1. Ueberſicht über die Ethik der Dugendabhandlungen der Nkademiezeit, keilweiſe mit Einſchluß derjenigen der„Theoſophie des Julius.“
Wir werden bei paſſender Gelegenheit einige Stellen verwandten Inhalts auch aus anderen Werken anführen. Wir citieren nach der Säkular⸗Ausgabe von Schillers ſämtlichen Werken der J. A. Cotta'ſchen Buchhandlung, Stuttgart und Berlin. Für die Proſaabhandlungen, welche wir im folgenden behandeln wollen, kommt vor allem Band XI in Betracht.


