Aufsatz 
Die objektive Apperzeption und ihre pädagogische Bedeutung
Entstehung
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7. Für die objektiv giltigen Erkenntnisformen gilt nun der merkwürdige Satz: Was an einem einzigen Beziehungsorte entdeckt wird, gilt ohne weiteres für alle gleichartigen Beziehungsorte. Wenn an einem Dreieck entdeckt iſt, daß 2*= i iſt, ſo gilt dies für alle Dreiecke. Dagegen gilt dieſer Satz nicht für die Klaſſenbegriffe. Es war durchaus nicht notwendig, daß alle Schwäne weiß ſein mußten, weil man lange Jahrhunderte hindurch ſtets nur weiße Schwäne geſehen hatte. Und wenn es auch ſehr wahrſcheinlich ſein mag, daß ein gewiſſer foſſiler Knochen etwa einer Bärenart zugehörte, mit unbedingter Sicherheit kann der Forſcher nicht behaupten, es könne keine ganz andere Tierart denſelben Knochen enthalten haben. J. Stuart Mill') hat ſich über dieſen Unter⸗ ſchied gewundert und gemeint, wer es erkläre, warum in einzelnen Fällen ein einziges Beiſpiel zu einer vollſtändigenInduktion hinreiche, in anderen Fällen Myriaden von Beiſpielen ein allgemeines Urteil nicht geſtatten, der verſtehe mehr von der Philoſophie der Logik als der erſte Weiſe des Altertums. Daß ſchon lange vor ihm Immanuel Kant die grundlegende Arbeit hierzu gethan hatte, ahnte er nicht. Die Löſung iſt, daß die erſtgenannten Faktoren der Erfahrung ſelber zu Grunde liegen, und daß darum Merkmale, die an ihnen gefunden werden, an den Gegenſtänden der Erfahrung ebenfalls gefunden werden müſſen. Wenn ich wüßte, daß Häuſer nur mit Back⸗ ſteinen zu bauen wären, ſo könnte ich deren unumgängliche Eigenſchaften ebenſoſicher von allen Häuſern ausſagen, wie ich die Eigenſchaften des Raumes von allen darin befindlichen Dingen ausſagen kann. Ebenſo iſt es mit der Kauſalität. Daraus, daß Waſſer ſo und ſo oft das Fleiſch gar gekocht hat, wenn ich ein Feuer darunter entzünde, folgt noch gar nicht, daß dies immer geſchehen muß. Auf einem ſehr hohen Berge werde ich mich enttäuſcht finden. Wenn ich aber weiß, daß Waſſer bei einem Atmoſphärendruck und bei 1000° Celſius die Bedingungen enthält, die zum Kochen des Fleiſches nötig ſind, ſo werde ich von nun ab ſagen können: Das Fleiſch muß gar werden, falls genannte Bedingungen da ſind. Nach Fixierung der kauſalen Be⸗ ziehung fälle ich dies Urtheil ohne weiteres a priori mit dem Anſpruch auf unbedingte Giltigkeit. Und wenn meine Erwartung getäuſcht wird, ſo fällt es mir gar nicht ein, die Geltung des Kauſalgeſetzes in Zweifel zu ziehen; ich ziehe vielmehr die Genauigkeit meiner Beobachtung in

deſſen wir unſere Vorſtellungen beziehen und verknüpfen müſſen, eine dem Geiſte ſelber eigne Funktion iſt. Dies iſt die dogmatiſche Annahme Kants. Wollten wir dieſer folgen, ſo hätten wir keine wahre Objektivität. Wir könnten nicht, wie es der Fall iſt, das Bewußtſein haben, daß unſere Beziehungen und Verknüpfungen für die Dinge als ſolche gelten; wir hätten vielmehr, zwar nicht Phantasmen des Einzelnen, aber doch Phantasmen des geſamten Menſchengeiſtes, der durch ſeine Kategorien genarrt, ſich eine Welt in einer Verknüpfung vorſtellte, die einer wirklichen Welt nicht entſpräche. Dem gegenüber möchten wir lieber annehmen, daß die auf die objektiven Beziehungen angewandten Erkenntnisformen auf einer elementaren, mit der Unbewußtheit des urſprünglichen Sehens vollzogenen Analyſe aus dem elementarſten Erkenntnisvorgange, dem Empfinden beruhen. Denn in dem lebendigen Empfinden(nicht dem ſelbſt ſchon abſtrahierten Empfindungsinhalt) haben wir das Bewußtſein eines Fremden, alſo einesaußer uns, ſowie das Bewußtſein eines Anderswerdens, eines Geſchehens, alſo eines kauſalen Faktors. Durch Verwendung dieſer elementaren analytiſchen Ergebniſſe hat wohl das Bewußtſein in die wilde Flut der Empfind⸗ ungen Ordnung gebracht und durch Beziehung ihres Inhalts auf das Fremde und Verknüpfung der verſchiedenen Beziehungen allmählich die Vorſtellung einer wirklichen Welt erhalten, und zwar einer ſolchen, in der dieſelben Prinzipien gelten, die ſie uns im Empfinden, d. h. ihrer lebendigen Beziehung zu uns offenbart hat. Wir erwähnen dies hier nur beiläufig, um eine Möglichkeit der Löſung des Problems anzudeuren; aber wie dem auch ſei, in jedem Falle iſt es verfehlt, die jedes riefere Verſtändnis abſchneidende Behauptung aufzuſtellen, daß Raum, Zeit, Subſtanz, Kauſalität von den Dingen abſtrahiert ſeien. Im Wahne, damit Kant zu überwinden, geht man in Wirklichkeit meilenweit hinter ihn zurück.

*) Logik überſ. v. Schiel. 3. Aufl., Braunſchweig 1868, I, S. 371.