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Gelegenheit geboten wird, über die Hauptſchwierigkeiten hinauszukommen.— Alle Themata, welche von der Reproduction zur eignen Production überleiten, ſtellen bedeutendere Anforderungen an den Schüler. Damit wird aber die Thätigkeit des Lehrers noch nicht eine unweſentliche. Mit der nöthigen Anregung, die hier ihren Schwerpunkt am beſten in der geſchickten Wahl des Themas findet, muß die entſprechende Zurückhaltung verbunden ſein. Jede ſelbſtſtändige Regung ſoll zu ihrem Rechte kommen und darf nicht durch voreilige Unterſtützung ihre Freiheit und Eigenthüm⸗ lichkeit einbüßen. Gar leicht, das wird nicht verkannt, gibt ſich hierbei der Lehrer der Täuſchung hin, daß er die in den Arbeiten zum Vorſchein kommenden Gedanken und Gedankenreihen für freies Eigenthum der Schüler hält, während es doch in der That nur Vollendungen des von ihm frageweiſe und andeutungsweiſe ſchon halb zu Tage Geförderten ſind. Der Verſuch, auf dieſe Weiſe zur Selbſtſtändigkeit zu führen, wird um derartiger Täuſchung willen nicht aufgegeben. Zuweilen wird auch einmal die Probe gemacht, nur das Thema zu ſtellen und die Bearbeitung durchaus den Seminariſten zu überlaſſen. Nur ſelten iſt auch einmal die Wahl des Themas ſelbſt den Schreibenden anheimgegeben worden. Man könnte dies Verfahren vielleicht um deß⸗ willen für erwünſcht halten, weil hierbei die individuelle Neigung einmal ganz uneingeſchränkt befriedigt werden kann. Solchen Verſuchen wird ihre Berechtigung ſicherlich nicht abgeſprochen werden können. Etwas anderes wäre es, wenn es auffallend gefunden würde, daß der Regel nach, auch in der oberſten Claſſe, alle Angehörigen einer Abtheilung dasſelbe Thema zu bearbeiten bekommen, wenn es für angemeſſener gehalten würde, daß jedesmal wenigſtens eine Anzahl ver⸗ ſchiedenartiger Thematen zu beliebiger Auswahl und Vertheilung angeboten würde. Wie hohen Werth wir auf die Berückſichtigung der Individualitäten legen, darüber habe ich mich oben aus⸗ geſprochen, davon zeugt auch die fuͤr den Stylunterricht vorgenommene Trennung jeder Claſſe des Seminars in zwei Abtheilungen. Aber dieſe Rückſichtnahme hat auch ihre Grenze. Einmal findet ſie dieſelbe in dem Maße der für dieſen Unterrichtsgegenſtand verwendbaren Zeit. Es würde geradezu unmöglich ſein, eine größere Anzahl von Thematen neben einander gründlich zu behan⸗ deln: entweder müßte die Gründlichkeit der Arbeit darunter leiden, oder eine weit geringere An⸗ zahl von Uebungen müßte genügend befunden werden, um zum Ziele zu führen. Sodann aber halte ich ein ſo ſtarkes gefliſſentliches Pflegen der perſönlichen Neigung ſür bedenklich, ſowohl für die intellectuelle, wie für die ſittliche Seite der jugendlichen Natur; denn in beiderlei Hinſicht fördert dieſelbe eine ſchädliche Vereinſeitigung. Auf der anderen Seite wird man der gezeichneten Behandlungsweiſe bei ihrer angedeuteten Dehnbarkeit den Vorwurf nicht machen können, daß ſier die berechtigte individuelle Neigung unterdrücke.
Die vorſtehende Beſchreibung des Stylunterrichts im Seminare will im Zuſammenhange verſtanden ſein. Sie ſoll darüber aufklären, nach welchen Grundſätzen und mit welchen Mitteln wir beſtrebt ſind, die uns anvertrauten Jünglinge zu dem angegebenen Ziele hinzuführen.
Der Grundſatz: non scholae sed vitae hat in einer Berufsſchule einen doppelt ſchwer wiegenden Sinn, er hat dieſen Doppelſinn auch für unſeren Lehrgegenſtand. Ich habe oben mit⸗ getheilt, daß nach unſerer bisherigen Erfahrung das geſteckte Ziel im Ganzen nicht erreicht wird. Darnach erſcheint es ſchwierig, dieſen Grundſatz für unſeren Unterricht in ſeiner vollen Bedeutung aufrecht zu erhalten. Es verhält ſich aber damit nicht anders wie mit dem ſchulmäßigen Lernen und Arbeiten überhaupt. Gelernt zu haben, wie man weiter arbeiten muß, um auf der betretenen Bahn auf eigenen Füßen weiter zu kommen, das iſt mit die beſte Frucht, die man aus einer Anſtalt mitnehmen kann in's Leben. Nicht die Pflege des vereinzelten Lehrgegenſtandes, vielmehr, nach der Natur desſelben, die ganze Arbeit an der eigenen geiſtigen Weiterentwickelung bildet die Vorausſetzung für die Weiterbildung des Styles. Und unter dieſer Vorausſetzung nehme ich auch für den Stylunterricht am Seminare den Grundſatz: non scholae sed vitae in Anſpruch.


