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wiſſen und ein eignes Urtheil zu haben. Bis er aber ſoweit gekommen iſt, daß er ein ſolches Scheinwiſſen und ein ſolches Scheinurtheil hat, iſt er niemals ſelbſt thätig geweſen. Er hat bei dem Auffinden deſſen, was er zuletzt erreicht hat, niemals mitgeholfen. Im beſten Fall iſt von dem Lehrer etwas richtig vorgemacht und von dem Schüler correct nachgemacht worden. Die Selbſtthätigkeit des Schülers iſt bei der ganzen Arbeit niemals angeregt worden.
Soll der Unterricht in der Poetik wirklich fruchtbar gemacht werden, dann darf man nicht den im Vorſtehenden beſchriebenen Weg der Behandlung einſchlagen, ſondern vielmehr den dieſem entgegengeſetzten Weg. Der Unterricht muß ſich auf das engſte anſchließen an das bereits Geleſene. Die Darſtellung muß nothwendig ausgehen von dem Einzelnen und von da aus zu dem Allge⸗ meinen aufſteigen. Verſtändniß und Urtheil haben ſich zu gründen auf die Anſchauung. Der Unterricht beginnt darum erſt, wenn eine große Anzahl von Gedichten und Proſaſtücken des ver⸗ ſchiedenſten Inhalts geleſen, zum Theil gelernt worden ſind. Es ſind alſo bis dahin ſchon die verſchiedenſten Dichtungsarten, wenigſtens in ihren einzelnen Repräſentanten, zur Anſchauung gekommen. Es gilt nun darum, die Schüler in eine neue Ertenntniß einzuführen. Sie ſollen das Allgemeine, das ſich in dieſen Einzelerſcheinungen darſtellt, erkennen, das Allgemeinere und All⸗ gemeinſte; zugleich aber ſollen ſich die Beſonderheiten des Einzelnen dadurch für ihr Auge um ſo ſchärfer hervorheben. Alles dieß iſt nur möglich durch Vergleichung. Die geleſenen Sachen ſind alſo einander gegenüber zu ſtellen und auf ihre Aehnlichkeit und Unähnlichkeit näher anzuſehen. Es erfolgt jetzt eine Gruppirung des Geleſenen; das Verwandte tritt zuſammen, das Entgegengeſetzte tritt auseinander. Die fundamentalen Gegenſätze von epiſcher, lyriſcher und dra⸗ matiſcher Poeſie kommen zum Bewußtſein. Innerhalb dieſer großen Gattungen heben ſich die einzelnen Species hervor. Die poetiſchen Erzählungen, Ballaoen, Romanzen, Legenden, Sagen, Märchen ꝛc. innerhalb der Epik, das Lied, geiſtliches und weltliches, die Ode, der Hymnus, die Elegie, das Ghaſel ꝛc., innerhalb der Lyrik ſtellen ſich in ihren Beſonderheiten dar, werden betrachtet und beſchrieben. Selbſtverſtändlich darf hierbei nur das Feſte und Sichere, nicht das Schwankende und Widerſprochene mitgetheilt werden. Vorbereitet iſt dieſe Art von Behandlung ſchon dadurch worden, daß ſeiner Zeit als Pendants zu den geleſenen und durchgeſprochenen Dichtungen Erzeug⸗ niſſe verwandten Inhalts vorgeführt worden ſind. So wurde z. B. als Pendant zu Tronius' „Kobold“ ein komiſches Gedicht von Kopiſch, als Pendant zu einer Ballade oder Romanze Uhland's „Glück von Edenhall“ oder„Bertrand de Born“ mitgetheilt. So iſt ſchon früher der Geſichts⸗ kreis der Schüler erweitert worden. Jetzt wird bei dem Durchgehen irgend einer Species noch ein oder das andere Gedicht beſonders charakteriſtiſcher Art vorgeführt, z. B. Gedichte ſatyriſchen Inhalts. Oder es wird das von ſonſther den Schülern Bekannte herbeigezogen, z. B. bei Be⸗ ſprechung des geiſtlichen Liedes die in den Religionsſtunden gelernten Lieder, bei Beſprechung des Volksliedes die den Schülern bekannten Volkslieder. Uebrigens iſt lückenloſe Vollſtändigkeit der allerletzte Ruhm, dem die Darſtellung nachzuſtreben hat. So ſind die ganz künſtlichen Formen, zu deren Beſchreibung weder das Leſebuch noch die ſonſt den Schülern zugängliche Literatur An⸗ hhalt bietet, einfach zu übergehen. Dahin gehören z. B. das Triolett, die Canzone, die Siziliane, das Ritornell 2c. in nacht 1 tsdr t miichmum 2 l 11
Ganz derſelbe Gang kann natürlich nicht eingchalten werden bei der Beſchreibung der größeren poetiſchen Productionen. An dieſen wird der Einblick in die poetiſche Form nicht gefunden durch Vergleichung des Verwandten und Entgegengeſetzten, ſondern der Nachweis der poetiſchen Form wird geliefert durch genaue Betrachtung der einzelnen Repräſentanten der Gattung. So wird z. B. das Weſen des Volksepos dargeſtellt auf Grund der Lectüre von dem Theil des Nibelungen⸗ liedes, welcher in dem Wackernagel'ſchen Leſebuch enthalten iſt, ſowie auf Grund eines ausfüͤhr⸗ lichen Auszugs aus dem Nibelungenlied, welcher in der Literaturſtunde geleſen wird. Die Form
des Kunſtepos wird zur Anſchauung gebracht beim Leſen von Hermann und Dorothea. Was eine Tragödie ſei, lernen die Seminariſten beim Leſen von Maria Stuart, die Kunſtform der Komödie lernen ſie kennen, wenn Minna von Barnhelm geleſen wirrd
Das iſt der Gang des Unterrichts, wie er beim Durchgehen der Poetik eingehalten wird. Man kann dieſer Art, die Sache zu betreiben, nachſagen, daß ſie ſehr zeitraubend ſei. Dem kann ich denn auch keineswegs widerſprechen. Der Unterricht in der Poetik nimmt recht viel Zeit weg. Dafür werden aber auch die früher genannten Gefahren vermieden. Auf der andern Seite wird


