Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
Einzelbild herunterladen

38

koſtbaren Gedächtnißſchatz, als eine Auswahl der ſchönſten Gedichte, des Edelſten von dem Gebiete weltlicher Weisheit und weltlicher Schönheit. Eine ſolche Auswahl des Schönſten aus dem Lande der Dichtung iſt aber vor allem würdig, in ein jugendliches Gedächtniß aufgenommen zu werden, grade in ein jugendliches Gedächtniß, welches das Aufgenommene ſo tief ſich einprägt, daß es dasſelbe nimmermehr verliert. Wem ſelbſt in ſeiner Jugend ein ſolcher unverlierbarer Schatz ächter Poeſie mitgegeben worden iſt, der wird den Werth der gedächtnißmäßigen Aneignung von Gedichten zu rühmen wiſſen. Es wurde ferner oben bemerkt, daß ohne Zuhilfenahme des Gedächtniſſes der volle Zweck des Unterrichts nicht erreicht werden könne. Das Werk des Dichters ſoll von dem jugendlichen Geiſte vollkommen durchſchaut, es ſoll demſelben angeeignet, es ſoll ihm vertraut und lieb werden. Nun wohlan! Ein wirklich ſicheres Wiſſen iſt erſt das gedächtniß⸗ mäßige Wiſſen: tantum scimus quantum memoria tenemus. Einen wirklichen Ueberblick über Inhalt und Form eines poetiſchen Kunſtwerks gewinnt man erſt, wenn das ganze Kunſtwerk mit einem Mal aus der Tiefe der Seele emporſteigt, mit einem Male ſich vor das geiſtige Auge ſtellt, mit einem einzigen Blick überſchaut werden kann. Was ſich mir in Augenblicken der Ruhe, auf ein⸗ ſamem Spaziergang unwillkürlich im Geiſte darſtellt, unwillkürlich in's Ohr klingt, unwillkürlich auf die Lippen ſich drängt, das erſt habe ich, das erſt genieße ich.

In der That wird unter Verſtändigen kaum Streit entſtehen über den Werth des Aus⸗ wendigwiſſens von claſſiſchen Dichtungen. Nur darüber könnte disputirt werden, welcher Werth dem Auswendiglernen und Auswendiglernenlaſſen beizulegen ſei. Mit anderen Worten: das Ziel ſteht feſt; aber man ſucht nach dem rechten Wege, der zu dieſem Ziele hin⸗ führt. Welches iſt dieſer rechte Weg? Manche Menſchen ſind in der glücklichen Lage, daß ſie ſchon in früheſter Jugend auf die Erzeugniſſe der claſſiſchen Poeſie hingewieſen und in dieſelbe eingeweiht werden. Sie hören viel leſen und vortragen, ſie leſen ſelbſt viel und freuen ſich, etwas vortragen zu dürfen. Werden ſolche Menſchen unterſtützt durch ein raſches Auffaſſungs⸗ vermögen und ein glückliches Gedächtniß, ſo kommen ſie von ſelbſt dazu, eine große Maſſe von Gedichten und poetiſchen Stellen, und zwar grade das Beſte und Schönſte auswendig zu behalten. Wer will's beſtreiten, daß in ſolchem Fall Anleitung zum Memoriren weder nöthig noch nützlich iſt? Aber ſo günſtige Verhältniſſe darf man ſchwerlich bei ſämmtlichen Zöglingen irgend einer größeren Anſtalt vorausſetzen. Was das Seminar betrifft, ſo ſind bei den Zöglingen desſelben ſolch glückliche Verhältniſſe thatſächlich nicht vorhanden. Hält man es für nützlich und noth⸗ wendig, daß die Seminariſten eine größere Anzahl von Gedichten auswendig wiſſen und als feſten Beſitz vom Seminar mit hinwegnehmen, ſo muß man ſich entſchließen, den Weg einzuſchlagen, der zu dieſem Ziele führt. Es gibt aber nur einen einzigen Weg, der dahin führt. Dieſen Weg bildet das ſchulmäßige Memoriren ſchulmäßig geſtellter und ſchulmäßig vorbereiteter Memorirpenſa. Es kommt nur darauf an, die den Schülern hiermit erwachſende Aufgabe möglichſt zu erleichtern und ſodann ein verkehrtes Lernen zu verhüten. Zunächſt hat in dieſer Beziehung der Lehrer die Pflicht, eine entſprechende Auswahl von Gedichten zu treffen. Nach dem ſeither Geſagten verſteht es ſich von ſelbſt, daß nur das Beſte, das Schönſte, das eigentlich Claſſiſche auszuwählen iſt. Einfache Gedichte mit knappem Ausdruck verdienen den Vorzug vor überſchwenglichen mit über⸗ ſchießendem Ausdruck, kürzere Gedichte den Vorzug vor längeren. Eine zweite Aufgabe für den Lehrer bildet die rechte Vorbereitung des Auswendiglernens. Dieſe Vorbereitung wird bewerk⸗ ſtelligt, indem die zu lernenden Gedichte vorher gründlich durchgegangen und wiederholt geleſen werden. Ferner wird dem Schüler gelegentlich Anleitung zum Auswendiglernen rechter Art gegeben, vamit das allzu mechani che, den Vortrag verderbende Lernen vermieden wird. Eine dritte Aufgabe beſteht in dem Zuſchneiden der Penſa. Es hat ſich durch die Erfahrung als praktiſch herausgeſtellt, die Memorirſtücke in ganz kleine Theile zu zerlegen und von Stunde zu Stunde einen ſolchen Theil lernen zu laſſen. Auf ſolche Weiſe wurde es möglich, eine große Zahl von Gedichten auswendig lernen zu laſſen, ohne daß die Seminariſten mehr als einige Minuten zur Vorbereitung auf jede Unterrichtsſtunde zu verwenden brauchten, wenn nicht allzu große Unfähigkeit hindernd in den Weg trat. Es wurden von den dießmal abgehenden Seminariſten während ihres dreijährigen Aufenthalts in dem Seminar alles in allem 65 Gedichte memorirt. Rechnet man 80 Unterrichtsſtunden auf das Jahr und zieht man die auf das letzte(12.) Quartal