Aufsatz 
Allgemeines über den Unterricht in der deutschen Sprache. Über den Unterricht in der deutschen Grammatik. Über die theoretisch-praktische Einführung der Seminaristen in den Unterricht im Deutschen innerhalb der Volksschule
Einzelbild herunterladen

33

nicht erwähnt. Vielmehr kommt immer nur dieß zur Erwägung und bildet den Ausgangspunkt für ‚die Erörterung: Was paßt für die Schüler des Seminars bei ihrem gegen⸗ wärtigen Bildungszuſtand?.

Es wird ſich nun weiter darum handeln, eine Antwort in poſitiver Form zu geben auf die Frage: was wird in den Leſe⸗ und Literaturſtunden durchgenommen? Wir geben zu dieſem Behuf eine Ueberſicht über den Leſeſtoff, der in den 3 letzten Jahren mit der auf Oſtern ab⸗ gehenden Klaſſe durchgearbeitet worden iſt. Es wurden geleſen die 3 Bände des deutſchen Leſe⸗ buchs von Philipp Wackernagel, eine größere Anzahl von Gedichten Schillers, welche nicht in dem Leſebuch enthalten ſind, ein Epos(Hermann und Dorothea), eine Tragödie(Maria Stuart), eine Komöͤdie(Minna von Barnhelm). Die Seminariſten wurden alſo bekannt gemacht mit einer Auswahl des Beſten und Schönſten, was unſere hervorragendſten Schriftſteller in Verſen und Proſa geſchaffen haben.

Wenn man dieſen Lehrſtoff überblickt, ſo erhebt ſich zunächſt die Frage danach, wie dieſe Sachen geleſen werden ſollen, worauf beim Durchgehen dieſer literariſchen Erzeugniſſe von Seiten des Lehrers das Augenmerk hauptſächlich gerichtet werden ſoll. Die Entſcheidung hierüber hängt ab von dem Urtheil, welches man hat über die rechte Art und Weiſe, Schriftſteller zu leſen. Wir ſehen dabei zunächſt noch ganz ab von der Aufgabe, welche ſich dem Unterricht ſtellt, wenn Dichterwerke mit Schülern durchgearbeitet werden ſollen. Wir reden vorerſt noch allein von der Privatlectüre. Welches iſt nun die rechte Art, literariſche Erzeugniſſe zu leſen? Ohne Zweifel gibt es eine falſche, erfolgloſe, ja geradezu ſchädliche Art der Lectüre. Nicht allein, daß es unnütze und ſchädliche Schriftwerke gibt darüber ſoll hier kein Wort verloren werden, nein, die beſten, die claſſiſchſten Schriftſteller werden häufig in verkehrter Art geleſen. Man hört häufig einen den andern fragen; haſt du Shakespeare geleſen? Antwort: ja, oder Antwort: nein. Häufig ſteht aber die Sache ſo, daß es für den Gefragten ziemlich auf eins herauskommt, ob er ſagen kann: ich habe den Shakespeare geleſen, oder ob er ſagen muß: ich habe den Shakespeare nicht geleſen. Man lieſt nämlich häufig genug Schriftſteller nur zu dem Zweck, um ſagen zu können: die Sachen ſind mir bekannt; man lieſt ſie, weil man ſich ſchämt, geſtehen zu müſſen: das Werk iſt mir unbekannt. Das erinnert einen unwillkürlich an die reiſenden Engländer, denen man bekanntlich nachſagt, daß ſie vollkommen zufrieden geſtellt ſind, wenn ſie in ihr Taſchen⸗ buch eintragen können:den Rigi geſehen am... ten.... des Jahres...., unbekümmert darum, ob ſie den Rigi bei Sonnenſchein, oder ob ſie ihn bei Regen geſehen haben. Welcher Unterſchied iſt nun zwiſchen dieſen originellen und viel beſpöttelten Reiſenden aus England und jenen Reiſenden auf dem Gebiete der Literatur, welche vollkommen beruhigt ſind, wenn.ſie auf die letzte Seite eines Buches ſchreiben können: geleſen anno 18527

Noch weit verbreiteter vielleicht iſt eine andere Art des Leſens, die aber nicht viel mehr Gewinn einbringt als die ſeither beſprochene Art. Leider verbreitet ſich dieſe Art des Leſens, von der jetzt gehandelt werden ſoll, in Folge des Zeitungs⸗ und Zeitſchriftenweſens immer mehr. Die Leſer, welche dieſe Methode befolgen, gehen auf weiter nichts aus als darauf, ſich zu zerſtreuen und angenehm zu unterhalten. Es iſt ihnen vollkommen genug, von dem Geleſenen ſo im all⸗ gemeinen und obenhin Kenntniß zu nehmen, einen unbeſtimmten und ungefähren Eindruck davon mit hinwegzunehmen. Sie ſind z. B. ſchon vollkommen zufrieden geſtellt, wenn ſie den Gang der Ereigniſſe in einem Drama, die Fabel des Dramas, gefaßt haben, wenn ſie die Reihe von Empfin⸗ dungen, welche beim erſtmaligen Leſen in jedem Leſer erregt werden, einmal für allemal durch⸗ koſtet haben. Wie gering der Nutzen eines derartigen Leſens iſt, kann man am leichteſten dadurch ſich klar machen, daß man verwandte Erſcheinungen auf anderen Gebieten in's Auge faßt. Eine ſolche verwandte Erſcheinung bietet ein großer Theil der Leute, welche ihr Lebenslauf immer in der Welt herumführt. Reiſende dieſes Schlags kennen den Dom in Köln und die Elbbrücke in Dresden, das Kaiſerſchloß in Berlin ſo gur wie den Hafen von Kopenhagen. Hören ſie eine dieſer Sehenswürdigkeiten nennen, ſo ſagen ſie ſofort:das habe ich geſehen, das habe ich alle geſehen. Auch fehlt es ihnen niemals an Material zu Bemerkungen über alle dieſe ſchönen Dinge. Sieht man dagegen genauer zu, was ſie denn wirklich wiſſen von dem, das ſie geſehen haben, ſo findet man bald: gründlich geſehen, genau beobachtet, ſinnig betrachtet haben ſie gar nichts. In Folge davon iſt denn auch der Ertrag, welchen all ihr Sehen für ihre Geiſtesbildung