Aufsatz 
Über Walther von der Vogelweide / von Hermann Siebert
Entstehung
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Hier dann liess er sich verkaufen, Dass wir Eignen würden frei.

Und verloren nimmermehr; Heil euch, Kreuz und Dorn und Speer! Heidenschaft, des zürnst du sehr.

Um sich unser zu erbarmen, Litt er hier den grimmen Tod, Er, der Reiche, für die Armen, Dass wir kämen aus der Not. Dass sein Blut uns kaufte los, Ist ein Wunder übergross, Aller Wunder Wunderschoss.

Im Widerspruch mit Walthers eignen Worten hat man seine Anwesenheit in Palästina in Zweifel gezogen. Es sei unwahrscheinlich, heisst es bei Pfeiffer-Bartsch(S. 151), dass dieses Lied im heiligen Land gedichtet sei und auf Walthers Anwesenheit daselbst einen sichern Schluss gestatte. In welchen Jubel würde der Dichter, wäre seine Sehnsucht wirklich erfüllt worden, ausgebrochen sein! Statt dessen erhalten wir eine kühle, trockene, schwunglose Erzühlung vom Leben und Leiden Christi, die nicht nur an Gedankenreichtum und dichterischem Gehalt weit hinter die Kreuzlieder anderer Dichter zurücktritt, sondern auch mit der ergreifenden Herzliehkeit und wehmutsvollen Resignation, die alle Gedichte aus des Dichters letzten Jahren durchzieht, in schreiendem Wider- spruch steht.(Ihnlich bei Wilmanns.) Die beiden Kreuzlieder sollen daher von Walther nur für die Kreuzfahrer gedichtet sein, das eine, um ihre Begeisterung zu wecken, das andere, um von ihnen

gesungen zu werden, wenn sie im heiligen Land ankämen. Mit Recht macht Simrock dagegen gel- tend, dass ein Beweis für die Richtigkeit dieser Annahme nicht zu erbringen sei und dass die Dichter jener Zeit zu naiv sind(Seite 360 der Ubersetzung), als dass man annehmen dürfte, sie würden die Gelegenheiten zu ihren Liedern erfunden haben. Und eine solche objektive Gelegenheitsdichtung für andere hier anzunehmen, scheint doch in der That viel gewagter, als die Worte des Dichters unbefangen für das gelten zu lassen, für was sie sich geben, nämlich für den Ausdruck dessen, was der Dichter selbst erlebt hat. Wenn man alle anderen Selbstzeugnisse Walthers, die sich auf seine äusseren Lebensverhältnisse beziehen, unbeanstandet als historisch treu aufnimmt, warum denn dieses eine nicht, das doch an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lüsst? Noch niemand hat beispiels- weise daran gedacht, die Angriffe gegen das Papsttum oder die wehmütigen Empfindungen, welche das Wiedersehen der alten Heimat in dem Herzen des Dichters erweckt, für eine Darstellung frem- der Gedanken zu erklären oder in der dort ausgesprochenen Sehnsucht nach dem heiligen Land nur eine poetische Einkleidung der Sehnsucht anderer zu erblicken. Lässt man die Worte:möht ich die lieben reise gevaren über(Pf. 188, 49) als Ausdruck des eignen Wunsches gelten, so muss man auch der Versicherung:mir'st geschehen, des ich ie bat Glauben schenken, denn sie enthält einen bestimmten Hinweis auf jene Worte; Wunsch und Erfüllung stimmen so zusammen, dass jenes Gedicht zu einem Zeugnis für die innere Wahrheit dieses Kreuzliedes wird. Allerdings zeigen die beiden Kreuzlieder eine gewisse Ruhe, wie sie naturgemäss dem höheren Alter des Dich- ters entspricht. Dafür tritt aber die Klarheit der Gedanken und die Abrundung der Form um so schöner hervor. Den Inhalt kühl, trocken und schwunglos zu nennen ist aber gewiss ein zu hartes